Wenn das alles ist – Leseprobe

Wenn das alles ist – Leseprobe
Kammermeier2

Erzählung bei Kindle Singles

Ich glaube an mich. Selbst in den Felswänden der höchsten Berge Europas habe ich das Vertrauen in mich nie verloren. Ich kann mich auf meinen Körper verlassen, denn meine Arme, Beine, Füße und Hände führen zuverlässig und kraftvoll aus, was ich ihnen anbefehle. Ich trainiere vier Mal die Woche. Ausdauer, Kondition, Kraft. Ich meditiere. Ich habe gelernt, dass alle Stärke aus der Mitte kommt, physisch wie mental. Mein Körper versagt nicht. Mein Geist lässt mich nicht im Stich. Ich denke mir den Weg hinauf zum Gipfel und plane meine Schritte sorgfältig. Ich bin kein Draufgänger. Ich bin erfahren genug, um die jeweils angemessene Technik einzusetzen. Ich bin geduldig, kein Gipfel läuft mir davon. Ja, ich kann umkehren! Ich habe es bewiesen – am Mont Blanc habe ich meine Geduld sogar wiederholt bewiesen. Der Mont Blanc ist ein besonderer Berg – darum hänge ich jetzt auch hier in der Felswand und kann nicht weiter. Der Mont Blanc ist der Höchste in den Alpen, in Europa, der nächsthöhere Gipfel liegt vier Flugstunden entfernt östlich, den Namen weiß ich nicht mehr, auch Martin erinnert sich nicht. Martin kauert neben mir in einer Felsspalte, die eigentlich Platz für eineinhalb Personen bietet. Jede Lageveränderung unserer Gliedmaßen muss abgesprochen werden. Will ich zum Beispiel mein rechtes Bein ausstrecken, muss Martin eine Seite seines Hinterns lupfen, damit ich den Fuß unten durchstecken und an die Felswand schmiegen kann. Das heißt, mein linkes Bein hängt aus dem Unterschlupf, und draußen umkreist seit Stunden ein Gewitter das Massiv wie ein Raubvogel seine Beute.
Ich rieche Martin.
Mein linkes Bein hängt gefährlich aus der Spalte, und obwohl der Rest meines Körpers in unserem Unterschlupf nicht wesentlich besser geschützt ist, will ich mein das Bein lieber an mich und unter die Überdachung bringen. Martin stöhnt Unverständliches. Als ich ihn erneut bemühe, Unfreundliches. Ich verzeihe ihm.
Wir drücken unsere Köpfe so tief wie möglich unter das klamme Felsendach. Wenn die Köpfe geschützt sind, sind wir sicher.
Bullshit.
Über der Wand ist die Nacht hereingebrochen und liefert den Blitzen eine alle Farben verschluckende Bühne. Dort draußen liegt unermesslicher Raum unbelichtet, Raum, der nicht für uns ist, die Vertikale der Felswand ist nicht für Menschenfüße gedacht. Darum schlagen wir Haken in den Granit und spannen Seile und sichern uns gegenseitig und lernen uns zu vertrauen, weil ein Leben am Seil des anderen hängt. Überall müssen wir hin! Seit Jahrhunderten in die menschenverachtende Wildnis. Auf die Meere der Welt hinaus, in die Eiswüsten und Sandwüsten, auf die Gipfel der Gebirge hinauf und in die Tiefen der Ozeane hinunter. Martin und ich können uns noch nicht einmal darauf berufen, Entdecker sein zu wollen. Alles Gefährliche ist längst bekannt. Die tödlichsten Waffen, die bissigsten Tiere. Die Kälte. Die Hitze. Die Anstrengung, die Einsamkeit. 

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