Mütterträume

Mütterträume

Heute ist es anders, es ist Sonntagmorgen, das mag ich schon nicht, mein Puls hämmert in den Schläfen, mein Atem will sich nicht beruhigen. Ich japse nach Luft, ich sollte wissen, dass ich nicht genug Ausdauer besitze für so eine Flucht vor den Gefühlen der Schuld, die Mütterträume hinterlassen: Unsere Kinder kommen zu Tode, weil wir es nicht verhindern. Väter, habe ich mir sagen lassen, träumen zu skurril und absurd, um mit Gefühlen aus der Wirklichkeit folgen zu können. Der Schmerz der Mütter bleibt hängen, da hilft kein Aufwachen, nicht einmal die Dankbarkeit über den Kinderatem im Raum nebenan, von dessen Regelmäßigkeit wir uns auf Zehenspitzen im Dunklen überzeugen. Mütter sitzen im Traum ihren Ängsten auf, dabei folgt die Regie dieser Träume einer durchschaubaren Vorlage: Unser Kind gerät in Gefahr, ein Innehalten der Kamera gibt der Träumerin Gelegenheit, sich der Situation bewusst zu werden, die sich in Zeitlupe aufbaut und keinen Zweifel lässt, wohin hier geträumt wird. Eine weitere Zeitspanne bleibt für die Möglichkeit reserviert, das Schicksal in letzter Minute umzubiegen. Doch wir sehen tatenlos zu, wir greifen nicht ein, es ist, als lähme die Ahnung unausweichlichen Schmerzes unser Handeln. Mütterträume lassen keinen Zweifel am Ausgang eines Unfalles – kein Kind fällt aus dem ersten Stockwerk oder fährt sein Dreirad gegen eine Wand. Mütter träumen nicht von Krankheiten mit Heilungschancen, nein, unsere Kinder zerschmettern am Grund von Berg- oder Straßenschluchten und unser Leben als Mutter zerschellt mit ihnen. 

Ich atme tief durch, mein Puls sinkt, ich blicke um mich. Unser Gehirn ist eine Drogenküche, der größten Anstrengung folgt die tiefste Entspannung. Ein paar Morgenläufer tauchen auf, weiter hinten schiebt ein Vater schon einen Kinderwagen durch den Park, ja, ja, daran erinnere ich mich, fünf Uhr morgens war Schluss mit der Nacht, jetzt haben sich die Rollen vertauscht, mein Sohn schläft, und ich kann den Tagesanbruch nicht erwarten!
Wie oft habe ich in meinem Leben als Mutter ganz unspektakulär Abschied von einer Lebensphase meines Sohnes genommen, mit Freude die sprachlose Zeit gegen Endlosgeplapper getauscht und später mit Begeisterung gegen sinnvolles, strukturiertes Mitteilen. Nicht einmal den Myriaden von Legosteinen habe ich nachgetrauert, die ich als Kind selbst gerne besessen hätte, welche Welten wir entwarfen, welch waghalsige Konstruktionen wir in die Höhe zogen! Irgendwann ist es an der Zeit, die Kindheit an sich zu begraben, und manch eine Mutter braucht den Keulenschlag eines gemein real geträumten Kindertodes, um zu erkennen, dass sich wieder etwas verändert hat, dass das Gestern nicht mehr zählt und ein anderes Morgen wartet. Muss eine Mutter erst in einem Traum durch Entsetzen und Schmerz gejagt werden, der sie an einem Sonntagmorgen aus dem Haus treibt, die dämmrigen Straßen entlang in den menschenleeren Gleisdreieckpark hinein, um anzuerkennen, dass es gilt, wieder ein Mal Abschied zu nehmen?
 Wo doch der Sonntagmorgen hier draußen zu meiden ist, weil der den Übriggebliebenen der Nacht gehört, den Gruppen junger Männer unterschiedlicher Herkunft, die durch die Straßen ziehen und keine Ruhe finden. Wieder hat eine Nacht ihre Erwartungen nicht erfüllt, jetzt rempeln und pöbeln sie, schubsen sich und geraten in Streit, ihre Gliedmaßen bewegen sich unartikuliert, Angriffslust überstreckt ihre Nacken – geht doch endlich nach Hause, denke ich, haut euch ins Bett, das wird nichts mehr heute. Ich betrete die Back-Factory in der Hauptstraße/Ecke Akazien, wo die Mädels in Gruppen sitzen und nicht merken, wie sie sich in ihren Geschichten um die falschen Typen wiederholen. Ich tausche Blicke mit der Kassiererin, die sich jeden Sonntag ab 6:00 Uhr anhört, welches Herz diese Nacht im Havanna-Club gebrochen ist, welche Drogen im Spiel waren, wie mehr davon zu beschaffen ist, was dafür zu tun ist.

Ich stehe verloren in diesem Laden, Muffins, Sonntagsfrühstück – ich soll doch etwas lernen, sage ich mir, mich an neue Entwicklungen anpassen, nicht am Alten hängen, meine Rolle neu definieren, weg von der Versorgerin und hin zu – ja, wohin denn! Natürlich kaufe ich Muffins, mehrere sogar, denn der Junge kann nichts für die Trauminterpretation seiner Mutter, sein Vater auch nicht.

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