Imagination I

Imagination I
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©Klaus Kammermeier

An einem Herbstmorgen strahlt eine beleuchtete Hochparterrewohnung aus ihrer Nachbarschaft wie die Kommandobrücke der Enterprise aus den Tiefen des Universums, «where no man has gone before». Im Berliner Altbau fällt der Blick in mindestens zwei Räume, ein kleineres Balkonzimmer, ein größeres daneben. Nach hinten gibt es Schlafraum, Küche und Bad. In manchen Wohnungen liegt das Berliner Zimmer dazwischen, uneinsehbar von der Straße, schwach erhellt durch ein einziges Hoffenster. Sanierte Grundrisse platzieren eine offene Küche in diesen Raum und hängen einen Balkon an das Hinterhoffenster. Wenn in den straßenseitigen Räumen etwas geschieht, entgeht es dem Beobachter auf der Straße nicht. Wollte ich eine Geschichte über einen Zeitungsleser im Balkonzimmer schreiben, der mir durch sein hell erleuchtetes Fenster aufgefallen war, wäre es schön, wenn noch jemand hinzukäme: die junge Geliebte gähnend und schlaftrunken, halb nackt, zerzaustes Haar, oder ein weinendes Kind, das seine Mutter vermisst, die erst gestern die Koffer gepackt hat und jetzt bei ihrem Freund wohnt, oder eine alte Frau, ebenfalls Mutter, von der sich mein Zeitungsleser nicht lösen kann. Das wäre ein Anfang. Doch in sichtbaren Räumen geschieht nichts, hier lagern bestenfalls die Metadaten: Zeitungsleser, Frühaufsteher, mittleres Alter, Friedenauer Altbau, Parterre, bürgerliches Umfeld – für eine Geschichte nicht genug. Ich muss in die Hinterzimmer, vielleicht sogar ins Treppenhaus, die Stufen hinunter in einen schattigen Innenhof oder auf die Straße hinaus, nach links, nach rechts, in eine andere Zeit, ein anderes Land, wenn aus dem Mann, den ich im Vorbeilaufen in seiner hell erleuchteten Wohnung über etwas gebeugt sehe, das ich für eine Zeigung halte, eine Figur werden soll. Als Erstes nehme ich ihm die Zeitung weg und schiebe ihm einen Briefbogen unter die zur Faust geballte Hand. Der Inhalt mag von Liebe oder Abschied handeln, eine Kündigung aussprechen, einen Gerichtsbeschluss verkünden. Oder der Mann ist Lehrer, das Blatt ein Schüleraufsatz, der Rückgabetermin längst verstrichen. Dann wird es nichts mit mir und meinem Leser im hell erleuchteten Balkonzimmer – es sei denn, der Mann hat gute Gründe, seine Arbeit nicht pünktlich zu erledigen, das brächte ihn zurück ins Rennen.

 

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