Rollenwelten

Rollenwelten

Der Laden liegt in Friedrichshain, wir hätten auch in den tiefsten Wedding fahren können, aber da waren wir erst letzte Woche. Auf zwanzig Quadratmetern hängen die Decks an zwei Wänden, die künstlerische Gestaltung erinnert abwechselnd an Totempfähle und Tatoo Vorlagen. Als meinen Favoriten mache ich sofort ein aus der Vielfalt der Farben stechendes Holzfurnier mit eingedunkelter Maserung aus, mein Sohn zieht ein geometrisches Design vor, Tesseract, lerne ich, in seiner Stimme schwingt Ehrfurcht. Mitten im Raum steht eine Werkbank und dient neben dem Offensichtlichen auch als Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation. Rollen in Neonfarben, Achsen und Griptapes in unterschiedlicher Körnung liegen unter der Theke oder werden aus Schubladen gezogen. Will man ein Board, dachte ich, geht man zu Sport Scheck oder Karstadt, oder bestellt online. Mein Sohn weiß es besser, er hat recherchiert. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich Geschäfte betrete, die so fernab meiner Routen liegen, dass ich mich sogar sprachlich anpassen muss: Der Wechsel vom Sie zum Du fällt mir leicht, von ausführlich formulierten Sätzen in kurze Codierungen schon schwerer, das überlasse ich meinem Sohn, der die Fachterminologie souverän beherrscht. Das Longboard ist eine verlängerte Straßenausführung des Skateboards für Leute wie ihn, der mit Rollen unter den Füßen seinen Aktionsradius beträchtlich auszuweiten bereit ist. Der Scooter ist für Grundschüler, das Fahrrad unpraktisch in der S-Bahn, ein Board klemmt man sich unter den Arm und hat’s dabei. Perfekt. Ein Brett, vier Rollen, keine Bremse – easy. 

Keine Bremse! 

Deshalb sind wir hier, und, na ja, ein paar neue Lenkgummis müssen wieder mal sein, dafür fährt jemand wie mein Sohn durch die halbe Stadt und ich bereitwillig mit – eine Einladung in sein Revier nehme ich freudig an!

«Ich geh’ dann mal in die Mütterecke», sage ich und reiße meinen Blick von der Wand mit den kunstvoll gestalteten Unterseiten der Decks – besonders eine Graphik will mich nicht loslassen, weil sie mich an ein Tintin Cover erinnert, dessen Titel mir nicht einfällt. Der Typ hinter der Werkbank, der sicher nicht Verkäufer oder Kundenberater genannt werden will, sieht mich an, als hätte ich nach der Kundentoilette gefragt.

«Knieschoner, solche Sachen», «Ahhh», gibt er zurück, «klar, da drüben.» Er grinst, die Ängste der Mütter versprechen gute Geschäfte. Ich habe den Laden längst gescannt, an einem Drehständer hängen die Sets für Ellbogen und Knie, großflächig gepolsterte und schlagabsorbierende Schalen, damit könnte mein Sohn auch in einen Eishockeyrink steigen – ich bin beruhigt, bezahle und sehe meinem Sohn hinterher, wie er mit geschmeidigem Hüftschwung über die Asphaltpiste wedelt.