Die Häuser bauen andere – Leseprobe

Die Häuser bauen andere – Leseprobe

Kurzgeschichte Kindle Singles

Kurzgeschichte bei Kindle Singles

Sie sollten sie nicht so unvorbereitet anrufen dürfen. Nicht aus dem Alltag heraus – sagen wir Mittwoch –, um sie so unvermittelt mit einer Geschichte zu behelligen, die nicht bis zur nächsten Woche warten könne. Man hätte sie anschreiben können, das hätte ihr eine Bedenkpause ermöglicht, sie hätte den Brief oder die Mail erst einmal ungeöffnet liegen gelassen, bis sie sich bereit fühlte.
»Sie haben in dieser Sache eine Entscheidung zu verantworten«, spricht eine Stimme, die es gewohnt ist, genau zu artikulieren. »Sie sind doch die einzig lebende Verwandte. Sie sind die gesetzliche Betreuerin!«, setzt die Stimme nach, als ob sie das nicht wüsste.
Sie hätte gerne aufgelegt.
Sie will niemandes Verwandte sein, und erst recht soll sie dieser Arzt mit der klangvollen Stimme nicht auf ihren legalen Status als Betreuerin ansprechen.
Wie alt er wohl ist?
Ihr Mann drängte sie in dieses Amt, und sie übernahm es widerstrebend.
Klang und Volumen der Arztstimme erwecken in ihr keine Idee einer Gestalt, einer Kopfform, einer Kieferstellung. Selbst sein Alter erschließt sich nicht, genau genommen ist sie sich nicht einmal sicher, mit einem Mann zu sprechen.
Bei ihrem Mann ist das anders, die Ungeduld hinter den nachlässig modulierten Vokalen empfindet sie als eindeutig männlich. Sie hört ihn sprechen und sieht den Mittelfinger einer Hand auf die Tischplatte takten, als wolle er die Übertragungsgeschwindigkeit der an ihn gerichteten Information in ein anderes Tempo zwingen.
Ihre Schwester muss gesetzlich betreut werden, und er hält es für ihre Pflicht, Maria diesen Dienst nach dem Tod der Mutter zu erweisen. Für ihn stand von vorneherein außer Frage, dass sie so eine Aufgabe nicht ebenso bereitwillig übernähme, wie er die seinen: den Kindern zu einer angemessenen Ausbildung verhelfen, ein guter Ehemann sein und der Familie den gewohnten Wohlstand sichern. Er arbeitet lange Stunden für einen Moloch von Firma, schenkt ihr regelmäßig Blumensträuße und Lingerie und überschüttet Sohn und Tochter, Zwillinge, mit Vorschlägen und Hilfestellungen für Studiengänge, die nach bestandenem Abitur – oder besser schon viel früher – in Betracht zu ziehen seien. Akribisch wacht er über das Status-Meilen-Konto seiner bevorzugten Fluggesellschaft und schiebt noch einen beruflichen Langstreckenflug ein, wenn das Konto die Urlaubsflüge für den Sommer nicht deckt. Morgens um sechs rennt er aus dem Haus und trainiert seinen Körper, um ihn widerstandsfähig gegen all die Krankheiten zu halten, die ihn an der selbstauferlegten Erfüllung aller Pflichten hindern könnten. Ihr Mann erfüllt Aufgaben und erwartet Gleiches von ihr und den Zwillingen.
Wenn er verreist ist, stapeln sich Geschirr und Verpackungen von Döner, Pizza, Sushi und Chicken-Tikka in der Küche, schnelles Essen, das sie für sich und die Kinder aus einem tief in der Küchenschublade verborgenen Hefter gesammelter Briefkastenwerbung bestellt. Am Tag vor seiner Rückkehr wirbelt sie durch Haus und Garten, um den Zustand des gepflegten Haushaltes wiederherzustellen, auf den ihr Mann den größten Wert legt. Die Zwillinge helfen unaufgefordert, sie sind auf ihrer Seite.

Runaway Girl – Leseprobe

Runaway Girl – Leseprobe

Kurzgeschichte Kindle Singles

Kurzgeschichte Kindle Singles

Den Bikini hast du zu klein gekauft, das Höschen rutscht in die Pofalte, du musst den nassen Stoff immer wieder gegen den Widerstand deiner Haut hervorziehen, dazu hebst du ein Bein an, so geht es leichter. Auch der Busen droht sich aus der Verschnürung zu kämpfen, deshalb gehst du im Wasser noch in die Hocke, einmal zupfen und einmal schütteln – dann sitzt alles und bleibt an Ort und Stelle, bis dich wieder einer dieser Kerle packt und mit dir die Böschung hinab über den feinen Sand ins flache Wasser rennt, das plötzlich tief wird. Fünf sind es, eine Gruppe, Jungs eben, anders als die, mit denen du sonst zu tun hast. Der, in dessen Armen du gerade mehr hängst als liegst, weil du groß und muskulös bist, schleudert dich aus einer 360-Grad-Drehung heraus so weit er kann ins Tiefe, damit du nicht mit dem Hintern aufgehst. Er müht sich ab mit dir, und dir will dein Ärger nicht vergehen.

Die Namen hast du dir nicht gemerkt, wozu auch, in wenigen Stunden wirst du zum Bahnhof radeln und in einen Regionalzug nach Berlin steigen. Von dort bringt dich ein Nachtzug nach Paris und weiter nach Barcelona. Dort wartet die Brandung des Meeres auf dich, gebräunte Jungs in knappen Shorts lehnen im Schatten der Strandbars, du lässt dein Haar wehen – diese Typen hier bleiben da, die wirst du nicht wiedersehen! Aus den Augenwinkeln heraus beobachtest du, wie sie dich betrachten und Blicke tauschen. Blicke, die was bedeuten? Dein Zug fährt am frühen Abend und du könntest zuhause auf dem Sofa lümmeln, dich auf dem Balkon sonnen oder träge in Zeitschriften blättern. Stattdessen bist du in die Mitte dieser Clique geraten, weil du nicht wusstest, wohin mit diesem Tag. An den See, dachtest du, warum auch nicht, ein heißer Tag, der Badeausflug mit deiner Freundin eine Ausrede, wie auch das anschließende Übernachten. Zum Bahnhof benötigst du mit dem Fahrrad eine halbe Stunde, und die Sonne steht noch hoch am Himmel. Das Wasser klatscht über deinem Kopf zusammen und dir ist, als verdichte der Druck des Wassers deinen Ärger zu einem dröhnenden Klopfen hinter deinen Schläfen. Du tauchst auf und ziehst dein Oberteil zurecht, dein Haar klebt glatt und glänzend in einer dicken Strähne auf deinem Rücken und weist hinunter zu der Stelle, wo dein Körper sich teilt. Eine kleine Delle hast du da, ein Grübchen, eine Vertiefung. Gerade ein Daumen passt darauf. Sogar der von dem Dicken, der gerade mit tanzendem Bauchspeck und rudernden Armen die Böschung herunterkommt und sich mit dem Rücken auf die noch aufgebrachte Wasseroberfläche wirft. Die Gischt vernebelt in der Nachmittagsbrise und überzieht deine heiße, schon leicht verbrannte Haut mit einem Schauer. Der Wind bläst dir ein Prickeln über das Erhitzte, in deiner Kehle wird es eng und trocken. Du steigst aus dem See, deine langen Arme zupfen an deinem Bikini, und die Jungs sehen zu, jeder sieht genau hin, wie du dir das Höschen aus der Falte ziehst. Sie sind ein wenig älter als du, und gesehen hast du die hier noch nie. Du kicherst, du siehst ja, dass sie dich beobachten, wenn du an deinem Bikini ziehst, zum Lachen ist das, ha, die Jungs, weil jeder einmal hinfassen möchte, über diesen Jungs kannst du deinen Ärger weglachen, ha, sie möchten hinfassen, und du verbietest oder erlaubst es. Die Sonne steht weiß mit fließenden Rändern, einer hält dir eine Bierflasche entgegen, die du annimmst, weil du die letzte auch angenommen hast, und deine Zunge dick am Gaumen klebt. Ahhh, wie dir das kühle Bier die Kehle hinunterläuft und ein wenig aus dem Mundwinkel. Du bedankst dich für das Bier und blickst dich um: Wohin mit dir, bis du endlich ich deinen Zug steigen kannst, der dich weit wegbringt? Wenn du nach Hause könntest! 

Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Erzählung bei Kindle Singles

Er hat sich verlaufen, obwohl das für einen, der ohne Ziel unterwegs ist, nicht zutreffen kann, und ein Ziel hat er nicht – außer das übliche, an das er sich aber gerade nicht erinnert. Er befindet sich in der Eisenacher Straße, in dieser Straße hat er nichts verloren, soviel weiß er, die Straßennamen müssen ihm in der Reihenfolge durcheinandergeraten sein. Hatte er eine andere Absicht, als einer bestimmten Anordnung von Nebenstraßen zu folgen, die aus der Richtung der Potsdamer Straße kommend von der Grunewaldstraße abzweigen und die er sich aus seinem Stadtplan heraus eingeprägt und auswendig gelernt hat? Nur um sicherzugehen! Vorsichtshalber sagt er sich die Namen zwischen Potsdamer und Eisenacher Straße noch einmal auf, und ja, tatsächlich, er sollte in der Goltzstraße sein, nicht in der Eisenacher so wie es hier auf dem Schild steht, darunter die Hausnummern des ersten Straßenabschnitts. Er verwechselte die Anordnung der Straßen, vielleicht folgte er aber auch nur einer Handlung seines Körpers, dem rechten Bein, das unwillkürlich ausholt und den Rumpf mit sich in die falsche Straße hinein zieht, nur so, aus purer Lust und Laune. Gut, dann sagt er eben die Schilder der in der Eisenacher Straße ansässigen Läden herunter, auch die prägt er sich bei jedem Vorbeigehen ein, um sich auf seinen Märschen zu unterhalten, aber auch, um sein Gedächtnis zu überprüfen. Er sagt jetzt einfach die Namen und Bezeichnungen der Ladenschilder herunter, und der Fehler ist mehr als ausgeglichen. Eine Irritation bleibt: Er war auf der Suche nach dem Straßenschild der Goltzstraße und muss entweder vergessen haben, dorthin zu wollen, oder er sah das Schild, las den Namen und ging trotzdem weiter. Oder es war doch ganz anders, vielleicht ist er wirklich ohne Ziel unterwegs, dann kann er es bei einer kleinen Verwunderung beruhen lassen. Und doch beunruhigt ihn beides, eine Fehlleistung seines Gedächtnisses, eine Unkonzentriertheit – ein Ausfall, den Johanna sofort bemängelt hätte. Johanna mag es nicht, wenn er Dinge vergisst und immer weiß sie und entscheidet, wie die geforderte Erinnerung aussieht: die Farbe eines Gegenstandes, die Reihenfolge von Ereignissen, eine Jahreszahl, das Wetter des vergangenen Tages. Aus einem Grund, den er sich nicht erklären kann, hält sie die Zügel in der Hand, nach denen er sich zu bewegen hat. Er wird mit ihr sprechen müssen, gleich heute noch. Er wird Johanna auf ihren Platz verweisen, hinauswerfen am liebsten, weil er gar nicht versteht, was sie bei ihm verloren hat und warum sie ihn gängeln muss. Aber wenn er dann vor ihr steht und in ihr Gesicht blickt, fallen ihm die Worte nicht ein, die er in diese unfreundlichen Züge schleudern sollte wie ein richtiger Kerl. Unter Johannas Tadel ist ihm, als schrumpfe er und verlöre alle Eigenschaften eines Mannes, wie Johanna sie von ihm erwartet.

 

25 Jahre Mauerfall Berlin

25 Jahre Mauerfall Berlin

© Klaus Kammermeier

© Klaus Kammermeier

Das erste Stück innerstädtischer Mauer sah ich, nachdem ich als Erstsemester eine Gartenhauswohnung in der Neuköllner Fuldastraße bezogen hatte. Ein Punk im Erdgeschoss beschallte den Innenhof mit seiner E-Gitarre, kein Klopfen half, kein Drohen und Fluchen. Ich war in Neukölln in einem ehemaligen Hundesalon gelandet und kratzte ein Wochenende lang von Hundehaar verfilzte Teppichbodenfliesen von den Dielen, und der Punk lachte über die Polizisten, die jemand gerufen hatte, damit sie ihm den Stecker zögen. 
Berlin hatte ich mir anders vorgestellt, das Studieren auch, aber es würde schon noch werden, dachte ich auf dem Weg nach draußen, ein Spaziergang sollte mich beruhigen, denn der Ärger über den Punk und die Hundehaare saß tief. Im Dämmerlicht schritt ich die Straße hinunter nach links, bald hatte ich Gras unter den Füßen, dann Erde. Eine Brücke führte über einen Kanal, dahinter blockierte die Mauer meinen Weg. Sie stand dort losgelöst von städtebaulicher Logik, und ich begriff eine Weile nicht, dass mein Weg hier ein Ende hatte. Vier Monate später hinterließ ich meine frisch lackierten Dielen einer dankbaren Nachmieterin, die sich auch um die Entsorgung der Teppichbodenfliesen, die ich in einem Zwischenboden gelagert hatte, kümmern wollte, und kehrte nach Bayern zurück, wo ich einige Jahre später den ersten vorbeifahrenden Trabis zuwinkte. 
25 Jahre später stehe ich am Vorabend des 9. November mit meiner Familie hinter dem Reichstag auf den Stufen, die hinunter zur Spree führen. Eine Doku zeigt Aufnahmen von damals, wir vergleichen, wir staunen. Auf dem Bildschirm wird einer erschossen, der hinüber will, und am Ufer drängen sich Menschen und folgen der Lichterspur des Mauerweges. „Wie oft hier wohl jemand ins Wasser fällt?“, wundert sich jemand, „kein Geländer hier, nichts – und so dunkel.“
Wenn das heute unsere einzige Sorge zum Hüben und Drüben dieses Ortes sein darf, sind wir doch weit gekommen!
Am Brandenburger Tor wird Udo gleich loslegen, wir sind spät.

Wenn das alles ist – Leseprobe

Wenn das alles ist – Leseprobe

Kammermeier2

Erzählung bei Kindle Singles

Ich glaube an mich. Selbst in den Felswänden der höchsten Berge Europas habe ich das Vertrauen in mich nie verloren. Ich kann mich auf meinen Körper verlassen, denn meine Arme, Beine, Füße und Hände führen zuverlässig und kraftvoll aus, was ich ihnen anbefehle. Ich trainiere vier Mal die Woche. Ausdauer, Kondition, Kraft. Ich meditiere. Ich habe gelernt, dass alle Stärke aus der Mitte kommt, physisch wie mental. Mein Körper versagt nicht. Mein Geist lässt mich nicht im Stich. Ich denke mir den Weg hinauf zum Gipfel und plane meine Schritte sorgfältig. Ich bin kein Draufgänger. Ich bin erfahren genug, um die jeweils angemessene Technik einzusetzen. Ich bin geduldig, kein Gipfel läuft mir davon. Ja, ich kann umkehren! Ich habe es bewiesen – am Mont Blanc habe ich meine Geduld sogar wiederholt bewiesen. Der Mont Blanc ist ein besonderer Berg – darum hänge ich jetzt auch hier in der Felswand und kann nicht weiter. Der Mont Blanc ist der Höchste in den Alpen, in Europa, der nächsthöhere Gipfel liegt vier Flugstunden entfernt östlich, den Namen weiß ich nicht mehr, auch Martin erinnert sich nicht. Martin kauert neben mir in einer Felsspalte, die eigentlich Platz für eineinhalb Personen bietet. Jede Lageveränderung unserer Gliedmaßen muss abgesprochen werden. Will ich zum Beispiel mein rechtes Bein ausstrecken, muss Martin eine Seite seines Hinterns lupfen, damit ich den Fuß unten durchstecken und an die Felswand schmiegen kann. Das heißt, mein linkes Bein hängt aus dem Unterschlupf, und draußen umkreist seit Stunden ein Gewitter das Massiv wie ein Raubvogel seine Beute.
Ich rieche Martin.
Mein linkes Bein hängt gefährlich aus der Spalte, und obwohl der Rest meines Körpers in unserem Unterschlupf nicht wesentlich besser geschützt ist, will ich mein das Bein lieber an mich und unter die Überdachung bringen. Martin stöhnt Unverständliches. Als ich ihn erneut bemühe, Unfreundliches. Ich verzeihe ihm.
Wir drücken unsere Köpfe so tief wie möglich unter das klamme Felsendach. Wenn die Köpfe geschützt sind, sind wir sicher.
Bullshit.
Über der Wand ist die Nacht hereingebrochen und liefert den Blitzen eine alle Farben verschluckende Bühne. Dort draußen liegt unermesslicher Raum unbelichtet, Raum, der nicht für uns ist, die Vertikale der Felswand ist nicht für Menschenfüße gedacht. Darum schlagen wir Haken in den Granit und spannen Seile und sichern uns gegenseitig und lernen uns zu vertrauen, weil ein Leben am Seil des anderen hängt. Überall müssen wir hin! Seit Jahrhunderten in die menschenverachtende Wildnis. Auf die Meere der Welt hinaus, in die Eiswüsten und Sandwüsten, auf die Gipfel der Gebirge hinauf und in die Tiefen der Ozeane hinunter. Martin und ich können uns noch nicht einmal darauf berufen, Entdecker sein zu wollen. Alles Gefährliche ist längst bekannt. Die tödlichsten Waffen, die bissigsten Tiere. Die Kälte. Die Hitze. Die Anstrengung, die Einsamkeit. 

Set your thoughts free – die Hemingwrite

Set your thoughts free – die Hemingwrite

The Hemingwrite

The Hemingwrite

Ja, ich lasse mich ablenken. Ich stoße auf Information, die ich als bewusst Suchende niemals fände, hänge mich daran fest und lasse mich von Google verlinken und verleiten. Für Menschen, die ohne Ablenkung schreiben wollen, gibt es wohl bald Hilfe: Hemingwrite ist ein Schreibgerät, das es so ähnlich schon gab, allerdings mit einer Speicherkapazität von zehn oder zwanzig Manuskriptseiten – geparkt wurden die Texte auf Disketten. Die Entwickler der Hemingwrite studierten wohl die Frustration schreibender Google-Opfer und entdeckten die Autoren als Zielgruppe für ihr altertümlich anmutendes Schreibgerät. In einem Post auf @Hemingwrite heißt es dann auch: «Spock könnte es benutzt haben, um einen Roman zu schreiben». Nun verstehe ich mich durchaus auch als Google-Gewinnerin: Meinen Helden eines unveröffentlichten Buches verdanke ich einem Link, der mich auf die Seite eines der Klitschkos sandte und weiter in die Auseinandersetzung um das Schaurig-Schöne ihres Sports. Ich fand mich bald in den Niederungen einer Parallelwelt der Boxställe und Boxclubs von Brighton Beach wieder, las Buch um Buch über die Aktivitäten der russischen Mafia in Amerika und lernte über ihre brutale Hierarchie und das Leben eines russischen Berufskriminellen in New York. Was für eine Reise! Natürlich dauert es ein wenig, bis ich zu meinem Link finde, ich bleibe beim Hauptstadt Spielen der Berliner Morgenpost hängen, da bin ich richtig gut: Die zwanzig Stadtteile identifiziere ich in 53 Sekunden, aber nach Lübars fahre ich trotzdem nicht, ich kenne dort auch gar niemanden. Berlin hat 95 Stadtteile, deren Lage, Namen und Formen ich jetzt genau kenne: Gropiusstadt sieht aus wie ein Rosinenbomber von oben, dem Prenzlauer Berg hängt ein Biberschwänzchen an, Wilhemstadt eine Walfischflosse, dem Baumschulenweg ein ganzer Stern. Ja, ich lasse mich ablenken, aber so bin ich auch auf die Hemingwrite gestoßen, die ich gerne teste, wenn sie auf den Markt kommt.

 

Don Gustavo – Leseprobe

Don Gustavo – Leseprobe

Don Gustavo

Kurzgeschichte bei Kindle Singles

Der Sohn hat ihr abgeraten. Niemand verpflichte sie, sagte er, öffentlich Auskunft über ihr Privatleben zu geben.
«Nicht nur über deines, auch über Vaters», doch sie ließ seinen Einwand nicht gelten. Vater und Sohn hatten sich nicht nahegestanden, was geht der Vater den Sohn noch an? Ihr Mann hatte niemandem nahegestanden – am nächsten vielleicht seinem Deutschen Schäferhund, den er auf Schritt und Tritt an kurzer Leine dicht bei sich führte
«Geh da nicht hin», wiederholte er, bis sie sich seinen Ton verbat. Doch ihr Sohn ist keiner, der aufgibt. Leichtes Spiel, wird er sich gedacht haben, sie ist alt, und er ist auf der Höhe seiner Leistungskraft.
«Diese Reporter stochern so lange, bis sie etwas finden, das sie den Lesern als Sensation verkaufen können. Denen geht es nicht um dich und um Wahrheit schon gar nicht», fügte er hinzu, als wolle er sich ihrer Absicht vergewissern. Auch ihre Absicht könnte dem Sohn dieses Vaters gestohlen bleiben, er mochte ihn nie leiden.
«Warum willst du dir das antun?»
Aber sie ist kein leichtes Spiel und sie ist entschlossen, den Gerüchten über den verstorbenen Mann mit der Realität aus mehr als drei Jahrzehnten entgegenzutreten.
«Weil es dumm und unsinnig ist, solche Geschichten zu spinnen. Ich mag es nicht. Dummheit mag ich nicht!»
Sie selbst ist nicht betroffen, niemand ächtet sie, schneidet sie auf der Straße, bedient sie nicht beim Bäcker, weil es diese Situationen für sie nicht gibt. Vor Jahren schon begann sie, Maria zwischen sich und die Welt außerhalb ihres Anwesens zu schieben. Maria erledigt all ihre Aufgaben mit größerer Sorgfalt, als sie selbst es jemals könnte. Selbst, wenn sie das Haus und ihre Gärten verlässt, bemerkt sie nichts Ungewöhnliches. Die Menschen nicken ihr zu, wie sie es auch zu Lebzeiten ihres Mannes taten, weil das Grüßen hier auf den Inseln eine Selbstverständlichkeit ist.
Sie liebt ihren Hof, in dem Kakteen und Aloen wuchern und mit scheinbar letzter Kraft aus den kargsten Bedingungen eine Blütenpracht hervorbringen, die sie als spröde empfindet. Kakteenblüten verführen sie weder zum Anfassen noch zum Daranriechen. Der Boden ist ein Geheimnis, großporiges Lavagestein speichert die Feuchtigkeit des Morgentaus und hält die Wurzeln dennoch trocken. Die Alten wussten, wie sie die Insel ernähren konnten, aber heute interessiert das keinen mehr, weil Schiffe fahren und Flugzeuge fliegen, die Einwohner wie Touristen versorgen.
Ihr Mann, ein Ingenieur, studierte die Anbaumethoden der Bauern. Ihr Sohn, der Spanier, lächelt darüber. Wozu die Mühe, dem Boden die einfachsten Früchte abzuringen, wenn anderswo im Überfluss eine unvergleichliche Vielfalt produziert wird?
Ihr Mann hatte große Pläne auf der anderen Seite der Insel. Ein Haus sei im Bau, das ihm einen unverstellten Blick auf den Atlantik gewähre, sagte er zu ihrer Information – entschieden war es längst. Ein einziges Mal begleitete sie ihn über die Schotterpiste den Pass hinauf und wieder hinunter, um die Baustelle des grotesk wehrhaft angelegten Hauses zu besichtigen. Sie schüttelte nicht zum ersten Mal den Kopf über diesen Mann, die Ideen und Flausen, das Anmaßende im Denken. Der Mann dachte sich keinen anderen Zukunftsort aus als die unwirtlichste Insel vor der Küste Afrikas. Nichts als Lavagestein und Sand, Sonne und ein Wind, der von Zeit zu Zeit den Sand aus der Sahara mitnimmt und den Himmel über der Insel für Tage verdüstert. Die Mittagshitze treibt einen in die verdunkelten Häuser, aber die Kakteen mögen es so. Sie nahm sich die Bedürfnislosigkeit der Kakteen und Aloen zum Beispiel, die sie beobachtete und studierte. Sie lernte, mit dem Wenigen an Aufmerksamkeit ihres Mannes zu leben.

Im Gleisdreieckpark vom Flussbad träumen

Im Gleisdreieckpark vom Flussbad träumen

Berlin, Park am Gleisdreieck

Ein Sommermorgen im späten Oktober ist ein Geschenk, denn der nahende Winter rückt wieder in weite Ferne, und je länger er dort bleibt, desto besser. Wenn er dann kommt, wünsche ich ihn mir gerade so lange wie es braucht, meine Weihnachtsgeschenke auszupacken und ein paar Mal über verschneite Pisten zu schwingen. Am nächsten Tag setzt Tauwetter ein, die Frühlingswärme kommt zurück, der Sommer ist nahe. Und weil ich – wie so oft morgens – im Gleisdreieckpark über großstädtische Erlebnisräume schwärme, träume ich mir schon das nächste urbane und öffentliche Großprojekt für uns Menschen der Stadt zurecht, weil in Berlin ruhig ein wenig mehr Leichtigkeit einziehen darf, denn eine Stadt lebt nicht nur vom Glanz ihrer repräsentativen Bauten: Eine Schwimmstrecke mitten in Berlin fänden viele gut, wir brauchen ein Flussbad! Zum Glück wissen ein paar Leute, wie das zu machen ist, und suchen über ihren Verein Unterstützung: Flussbad-Berlin.de

 

Mütterträume

Mütterträume

Heute ist es anders, es ist Sonntagmorgen, das mag ich schon nicht, mein Puls hämmert in den Schläfen, mein Atem will sich nicht beruhigen. Ich japse nach Luft, ich sollte wissen, dass ich nicht genug Ausdauer besitze für so eine Flucht vor den Gefühlen der Schuld, die Mütterträume hinterlassen: Unsere Kinder kommen zu Tode, weil wir es nicht verhindern. Väter, habe ich mir sagen lassen, träumen zu skurril und absurd, um mit Gefühlen aus der Wirklichkeit folgen zu können. Der Schmerz der Mütter bleibt hängen, da hilft kein Aufwachen, nicht einmal die Dankbarkeit über den Kinderatem im Raum nebenan, von dessen Regelmäßigkeit wir uns auf Zehenspitzen im Dunklen überzeugen. Mütter sitzen im Traum ihren Ängsten auf, dabei folgt die Regie dieser Träume einer durchschaubaren Vorlage: Unser Kind gerät in Gefahr, ein Innehalten der Kamera gibt der Träumerin Gelegenheit, sich der Situation bewusst zu werden, die sich in Zeitlupe aufbaut und keinen Zweifel lässt, wohin hier geträumt wird. Eine weitere Zeitspanne bleibt für die Möglichkeit reserviert, das Schicksal in letzter Minute umzubiegen. Doch wir sehen tatenlos zu, wir greifen nicht ein, es ist, als lähme die Ahnung unausweichlichen Schmerzes unser Handeln. Mütterträume lassen keinen Zweifel am Ausgang eines Unfalles – kein Kind fällt aus dem ersten Stockwerk oder fährt sein Dreirad gegen eine Wand. Mütter träumen nicht von Krankheiten mit Heilungschancen, nein, unsere Kinder zerschmettern am Grund von Berg- oder Straßenschluchten und unser Leben als Mutter zerschellt mit ihnen. 

Ich atme tief durch, mein Puls sinkt, ich blicke um mich. Unser Gehirn ist eine Drogenküche, der größten Anstrengung folgt die tiefste Entspannung. Ein paar Morgenläufer tauchen auf, weiter hinten schiebt ein Vater schon einen Kinderwagen durch den Park, ja, ja, daran erinnere ich mich, fünf Uhr morgens war Schluss mit der Nacht, jetzt haben sich die Rollen vertauscht, mein Sohn schläft, und ich kann den Tagesanbruch nicht erwarten!
Wie oft habe ich in meinem Leben als Mutter ganz unspektakulär Abschied von einer Lebensphase meines Sohnes genommen, mit Freude die sprachlose Zeit gegen Endlosgeplapper getauscht und später mit Begeisterung gegen sinnvolles, strukturiertes Mitteilen. Nicht einmal den Myriaden von Legosteinen habe ich nachgetrauert, die ich als Kind selbst gerne besessen hätte, welche Welten wir entwarfen, welch waghalsige Konstruktionen wir in die Höhe zogen! Irgendwann ist es an der Zeit, die Kindheit an sich zu begraben, und manch eine Mutter braucht den Keulenschlag eines gemein real geträumten Kindertodes, um zu erkennen, dass sich wieder etwas verändert hat, dass das Gestern nicht mehr zählt und ein anderes Morgen wartet. Muss eine Mutter erst in einem Traum durch Entsetzen und Schmerz gejagt werden, der sie an einem Sonntagmorgen aus dem Haus treibt, die dämmrigen Straßen entlang in den menschenleeren Gleisdreieckpark hinein, um anzuerkennen, dass es gilt, wieder ein Mal Abschied zu nehmen?
 Wo doch der Sonntagmorgen hier draußen zu meiden ist, weil der den Übriggebliebenen der Nacht gehört, den Gruppen junger Männer unterschiedlicher Herkunft, die durch die Straßen ziehen und keine Ruhe finden. Wieder hat eine Nacht ihre Erwartungen nicht erfüllt, jetzt rempeln und pöbeln sie, schubsen sich und geraten in Streit, ihre Gliedmaßen bewegen sich unartikuliert, Angriffslust überstreckt ihre Nacken – geht doch endlich nach Hause, denke ich, haut euch ins Bett, das wird nichts mehr heute. Ich betrete die Back-Factory in der Hauptstraße/Ecke Akazien, wo die Mädels in Gruppen sitzen und nicht merken, wie sie sich in ihren Geschichten um die falschen Typen wiederholen. Ich tausche Blicke mit der Kassiererin, die sich jeden Sonntag ab 6:00 Uhr anhört, welches Herz diese Nacht im Havanna-Club gebrochen ist, welche Drogen im Spiel waren, wie mehr davon zu beschaffen ist, was dafür zu tun ist.

Ich stehe verloren in diesem Laden, Muffins, Sonntagsfrühstück – ich soll doch etwas lernen, sage ich mir, mich an neue Entwicklungen anpassen, nicht am Alten hängen, meine Rolle neu definieren, weg von der Versorgerin und hin zu – ja, wohin denn! Natürlich kaufe ich Muffins, mehrere sogar, denn der Junge kann nichts für die Trauminterpretation seiner Mutter, sein Vater auch nicht.

Imagination I

Imagination I

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©Klaus Kammermeier

An einem Herbstmorgen strahlt eine beleuchtete Hochparterrewohnung aus ihrer Nachbarschaft wie die Kommandobrücke der Enterprise aus den Tiefen des Universums, «where no man has gone before». Im Berliner Altbau fällt der Blick in mindestens zwei Räume, ein kleineres Balkonzimmer, ein größeres daneben. Nach hinten gibt es Schlafraum, Küche und Bad. In manchen Wohnungen liegt das Berliner Zimmer dazwischen, uneinsehbar von der Straße, schwach erhellt durch ein einziges Hoffenster. Sanierte Grundrisse platzieren eine offene Küche in diesen Raum und hängen einen Balkon an das Hinterhoffenster. Wenn in den straßenseitigen Räumen etwas geschieht, entgeht es dem Beobachter auf der Straße nicht. Wollte ich eine Geschichte über einen Zeitungsleser im Balkonzimmer schreiben, der mir durch sein hell erleuchtetes Fenster aufgefallen war, wäre es schön, wenn noch jemand hinzukäme: die junge Geliebte gähnend und schlaftrunken, halb nackt, zerzaustes Haar, oder ein weinendes Kind, das seine Mutter vermisst, die erst gestern die Koffer gepackt hat und jetzt bei ihrem Freund wohnt, oder eine alte Frau, ebenfalls Mutter, von der sich mein Zeitungsleser nicht lösen kann. Das wäre ein Anfang. Doch in sichtbaren Räumen geschieht nichts, hier lagern bestenfalls die Metadaten: Zeitungsleser, Frühaufsteher, mittleres Alter, Friedenauer Altbau, Parterre, bürgerliches Umfeld – für eine Geschichte nicht genug. Ich muss in die Hinterzimmer, vielleicht sogar ins Treppenhaus, die Stufen hinunter in einen schattigen Innenhof oder auf die Straße hinaus, nach links, nach rechts, in eine andere Zeit, ein anderes Land, wenn aus dem Mann, den ich im Vorbeilaufen in seiner hell erleuchteten Wohnung über etwas gebeugt sehe, das ich für eine Zeigung halte, eine Figur werden soll. Als Erstes nehme ich ihm die Zeitung weg und schiebe ihm einen Briefbogen unter die zur Faust geballte Hand. Der Inhalt mag von Liebe oder Abschied handeln, eine Kündigung aussprechen, einen Gerichtsbeschluss verkünden. Oder der Mann ist Lehrer, das Blatt ein Schüleraufsatz, der Rückgabetermin längst verstrichen. Dann wird es nichts mit mir und meinem Leser im hell erleuchteten Balkonzimmer – es sei denn, der Mann hat gute Gründe, seine Arbeit nicht pünktlich zu erledigen, das brächte ihn zurück ins Rennen.

 

Imagination II

Imagination II

Imagination II

©Klaus Kammermeier

Morgens um 7:30 stehe ich als Erste am Sachsendamm vor noch verschlossener Garagentüre einer Reifenwerkstatt. Selbst schuld, denke ich, was mache ich hier vor dieser kleinen Klitsche, die große Werkstatt um die Ecke hätte geöffnet, doch über die Leute dort habe ich mich schon zweimal geärgert – keinen Euro bekommen die von mir! Hier muss ich warten. Acht oder zehn Garagentore reihen sich links und rechts der Einfahrt, alle verschlossen. Das, vor dem ich parke, hat wenigstens einen Briefkasten mit Firmennamen hängen, bei den anderen ist nicht so klar, welche Gewerbe sich hinter den Toren verbergen. Mein Blick wandert die Barackenreihen entlang, kein Mensch ist zu sehen, im Hintergrund rauscht der Morgenverkehr auf dem Sachsendamm. Da wäre ich auch lieber, aber mit dem beschädigten Reifen fahre ich nicht weiter als unbedingt nötig. Ich steige aus, ein paar Fotos, denke ich, nebenan entsteht um den Gasometer herum der EUREF-Campus und hier schließen sie ihre Holztore mit rostigen Ketten ab. Vorsichtig drücke ich die Autotüre ins Schloss und tue ein paar Schritte in die Gasse hinein, die im hinteren Teil einen leichten Bogen macht. Ich muss nicht weitergehen, klar, am Ende versperrt eine Backsteinmauer den Weg, und ein Mann kommt im Morgennebel auf der Flucht vor einem unbekannten Verfolger gerannt. Mit dem Rücken zur Wand blickt er ins grelle Scheinwerferlicht eines auf ihn zurasenden Fahrzeuges. In einem Tunnel entzündet ein ferngesteuerter Sprengsatz einen Tanklastzug, der Fluchtweg ist verstellt, ein Feuerball wälzt zum Ausgang und verglüht alles auf seinem Weg zu pulverfeiner Asche. Eine Schwimmerin pflügt mit kräftigen Schlägen durch ein menschenleeres Becken. Sie bemerkt die Türe nicht, die jemand schließt, das Rauschen aus einer Leitung nicht, den steigenden Wasserpegel zu spät. Andere lassen sich in der Wildnis von der Gewalttätigkeit der Natur überraschen: Sandstürme fegen über die Wüsten der Welt, Freakwellen werfen den Ozean in der Einsamkeit zwischen zwei Kontinenten auf, Schlammlawinen treten über schartige Ränder eines Vulkankraters – ich schlüpfe hinter das Lenkrad meines Autos und verriegle die Türen. 
7:45: Schön langsam könnte hier jemand auftauchen und sich um meinen Reifen kümmern! Ich schüttle den Kopf und wische meine feuchten Hände an meinen Hosenbeinen ab. Große Bilder für einen Thriller, denke ich, für einen Katastrophenfilm – welche Effekte, welche Dramatik! Nichts für die kleine Form einer Erzählung um die Angst vor dem wehrlos Ausgeliefertsein an Mensch oder Natur. 
Endlich schwingt ein Tor auf, ein Mann schiebt blaue Wagenheber heraus, ich will einen neuen Reifen, deshalb bin ich hier.
Ein Stoff liegt brach, bis ich eines Abends mit Freunden beim Wein vor einem Kaminfeuer sitze. So wohlig aufgehoben folgen wir uns bereitwillig in unsere Erinnerungen: was wir auf See und unter der Wasseroberfläche, in der Wüste am Lagerfeuer neben finsteren Gestalten, auf dem Berg im Gewitter, im Schneefeld taten, als wir jung und bindungslos waren. Der Berg, immer wieder kommen wir auf den Berg, an den ich nie dachte, wenn ich mir große Gefahr ausmalte. Was wäre mein Zufluchtsort, wo fände ich Schutz? Wäre jemand bei mir, wer könnte das Ich in so einer Geschichte sein, und wer der Andere? Was zählt das Miteinander, die Freundschaft, welche Gespräche finden statt und welche Themen sind noch wichtig, welche Bilder tauchen aus der Erinnerung, wenn nicht sicher ist, dass es ein Morgen gibt?

Das Ergebnis ist unter dem Titel „Wenn das alles ist“ bei Kindle Single nachzulesen.

WM 2014 Akazien/Ecke Belziger

WM 2014 Akazien/Ecke Belziger

Café Sur in Schöneberg

In erster Reihe vor dem Café Sur sitzen wir an WM-Abenden zusammen mit einer Handvoll anderer Frauen als einzige Gäste. Gewitterwolken stehen in diesen Tagen am Horizont, der eine Straßenkreuzung entfernt über den Dächern der Akazienstraße endet. Public Viewing gibt’s im Sur nicht, ein deutsches Tor überhören wir hier dennoch nicht. Mal sind es so wenige, dass wir besorgt im Liveticker nachsehen, dann wieder zu viele für eine gepflegte Unterhaltung. Wir beobachten sorgfältig herausgeputzte Frauen, die eilig Pizzaschachteln vorbeitragen – diesen Dienst erweisen sie wohl ihren Männern, bevor sie die Wohnungstüre hinter sich ins Schloss fallen lassen. Was an einem WM-Abend alles anzustellen ist, und wir bleiben an der erstbesten Straßenkreuzung hängen! Für Abenteuer ist es zu stickig, zu früh oder zu spät. Dafür sitzen wir zufrieden auf unseren Logenplätzen, die an jedem anderen Abend nicht zu bekommen sind und behalten die Kreuzung im Blick, auf der nichts geschieht. Falschabbieger und Stresshuper haben sich in ihre Wohnzimmer zurückgezogen oder gucken fest auf ihren Hintern verankert öffentlich. Gesprächsfetzen wehen vorbei, die wir dankbar aufnehmen und in ein Gespräch um die Kleinstädte unserer Jugend weben. In Berlin ist es besser, da sind wir uns alle einig, die wir einen WM-Abend vor dem Café Sur verbringen. In Berlin lässt es sich frei und ungezwungen leben – wenn uns nicht gerade eine anonym agierende Nachbarschaftsinitiative unsere WM-Fähnchen von den Autos klaut und stattdessen ein Pamphlet hinter die Scheibenwischer klemmt, das uns darüber aufklärt, was wir hier eigentlich tun: Als Männergesellschaft feiern wir einen Männersport unter einer Deutschlandflagge, die nicht nur für das Versagen der Politik steht, sondern auch für die Normierung unserer Sexualität. Wer’s noch nicht gewusst hat: Wir feiern hier nicht nur eine Fußballmannschaft, sondern auch eine Männerwelt, in der für Frauen nur Plätze auf der Zuschauertribüne bleiben (so lassen sich die Kritischen aus der Nachbarschaft verlauten).

Ja, genau, nächstes Jahr geht’s dann anders herum, da hocken die Männer auf den Tribünen, während die Frauen ihre Weltmeisterschaft austragen. 
Am Ende haben wir alle etwas erlebt und feiern gemeinsam den Sieg unserer Mannschaft, das eine oder andere Abenteuer, oder nur die gute Zeit, die wir im Schatten der Weltmeisterschaft unbeobachtet erlebten. Die echten Fans haben noch wochenlang zu tun, die Statistiken um Torchancen, Trefferquoten und den Wasserverbrauch der Toilettenspülungen während der Halbzeit auszuwerten.

Catch22

Catch22

Catch 22, Joseph Heller, 1961. Cover design by Paul Bacon

Vor vielen Jahren zog mich auf einer Passstraße in Griechenland eine mit Büchern von Philip Roth und anderen vollgepackte Fahrrad-Satteltasche aus der Kurve. Ich blieb unverletzt. Die Bücher las ich weder im Urlaub noch später zu Hause, stattdessen deckte ich mich im erst besten Backpacker Hangout mit zwei zerfledderten Krimis ein. Philip Roth wechselte mit mir Städte und Länder, kehrte in Umzugskisten verpackt nach Berlin zurück und schaffte es auch hier wieder in mein Bücherregal. Ungelesen. 

Ich hänge nicht an Papier, das ich für ein überkommenes Speichermedium halte, meine Hände ziehen sich daran fiese kleine Schnitte zu. Bin ich also eitel, schmücke ich mich für alle sichtbar mit großen Namen? Für diesen Fall wäre Philip Roth gerade richtig: Titelträger literaturkritischer Superlative („größter Romancier“), aber kein Titan wie John Updike. Doch wer stößt seine Gäste schon gerne mit der Nase auf gesammelte Unkenntnis in sechs oder acht Bänden? Sollte ich Roth nicht lieber verschwinden lassen? Und wenn ihn, wen noch? 
Ich vertagte die Frage, bis Oxfam auf der Hauptstraße eröffnete und um Spenden bat. Ich zögerte nicht und begann sofort rechts unten. Roth war der Erste, Ransmayr der Zweite: Morbus Kitahara stand doppelt im Regal – albern, die Jahre der Fernbeziehung zu meinem Mann auf diese Weise zu dokumentieren, ein Exemplar wird gespendet. Hätte ich links oben begonnen, wäre ein 800-Seiten – Wälzer über die Antike dran gewesendoch bis dahin kam ich nie. Ich hielt mich zu lange damit auf, Bücher auszuwählen, die ich gerne wieder lesen wollte.  Ich mache es kurz: Von Z bis G wählte ich vier Bücher aus, zwei davon legte ich nach kurzem Querlesen für Oxfam zur Seite, ein weiteres las ich an einem Abend und war zufrieden (Guterson, Snow Falling On Cedars). Über der Lektüre des vierten Buches begann ich nach zwei Seiten, mich an mein Lachen zu erinnern, wie es mich beim ersten Lesen schüttelte, wie mir Empörung den Schlaf raubte, Mitleid an mir nagte. Dieses Mal beschämte mich der Scharfsinn des Helden so, dass ich es nicht über mich brachte, dieses Buch zurück in mein Regal zu stellen. Nicht zu all den anderen!
Das Buch? Joseph Heller, Catch 22.
Mein/unser Bücherregal steht, wo es immer stand, es kann nicht anders, denn wir ließen es aufmauern und mit robusten Eichenholzbrettern bestücken – endlich genug Platz für die Bücher! Es sähe wohl lächerlich aus ohne Inhalt. Ich könnte anfangen, Vasen zu sammeln. Oder Buddhas. Oder den Platz meinem Mann zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stellen. Dann hätten wir hier eine DVD-Sammlung, eine Mineralien-Sammlung, eine Weizenbierglas-Sammlung. Wer weiß, worauf er noch käme … 

Blau

Blau

BlauDer Platz liegt wie leergefegt in der Nachmittagshitze dieses rekordverdächtigen Sonntages. Die Anwohner halten ihre Fenster verschlossen, sie haben Stoffbahnen unterschiedlicher Bestimmung gegen die Sonneneinstrahlung vor ihre Fenster gezogen oder geklammert. Kein Laut dringt aus den Wohnungen, kein Raunen, kein Schimpfen oder Streiten in fremden Sprachen. Kein Kinderlachen. Menschen sitzen in den Schatten von Baum und Sonnenschirm geduckt. An den Berliner Badeseen stolpern sie übereinander, hier ist Platz, zwei Drittel der Tische sind unbesetzt. Die Bedienung versorgt ihre wenigen Gäste aufmerksam mit kühlen Getränken, ich fantasiere die Farbe des Wassers, wie es sich türkis in der Wanne des Badeschiffs kräuselt, oder grün in der Spree darum herum. Doch auch das Badeschiff zählt zu den vielen Orten in Berlin, die morgens am besten sind – eine Handvoll Fahrradpendler zur Arbeit, Schwimmer, die es ernst meinen. Im Schöneberger Kietz ist es ruhig und schattig, Gespräche gehen eine Weile hin und her, dann wird es stiller. Auch an den Nebentischen gibt es nichts mehr zu sagen, die Menschen lehnen träge in ihren Stühlen. Ab und zu bewegen sich Beine von einem Schatten zum nächsten. Dünne Stoffe flattern. Blondes Haar weht hinten aus. Männer schlurfen in Cargo Pants und Riemensandalen in Erdtönen. In ihren ausgebeulten Hosentaschen mögen sich Kompass und Wanderkarte, Taschenmesser, Verbandszeug und Karabinerhaken verbergen. Nützliche Dinge, vor allem das Taschenmesser. Andere haben schmalere Hosenschnitte für sich entdeckt. Glatt gewebte Baumwolle, kühle Farben. Türkis, azurblau, capriblau. Ihre Füße stecken sorgfältig pedikürt in Flip Flops. Sie bewegen sich leichter und aufrechter als ihre Cargo-Freunde.  
«Kleidung zivilisiert Körperhaltung» – wenn’s sonst nichts mehr zu denken gibt …

Damit keiner weiß…Meine geheime eBook Bibliothek

Damit keiner weiß…Meine geheime eBook Bibliothek

Mein eBook Reader ist mein Schatzkästchen, sein Speicher verschließt meine literarischen Vorlieben vor den Blicken meiner Umwelt. Nicht, dass es da etwas zu verbergen gäbe, der Inhalt ist jugendfrei, ich beteilige mich nicht an illegalen Tauschbörsen, jeder dürfte also unbedenklich durch meine Bibliothek stöbern – und dennoch hüte ich seinen Inhalt, damit keiner weiß … Das Nichtwissen um meine Bibliotheksinhalte entstigmatisiert mich als Leserin, ich darf mich undercover in der Welt des geschriebenen Wortes bewegen, bildlich gesehen entferne ich das Coffee Table Book von meinem Couchtisch. Mein gesellschaftlicher Status als Leserin bestimmt nicht mehr den Umgang anderer Menschen mit mir, meine Unterhaltungen plätschern freier, wenn keine Bücherstapel im Weg liegen, ein von Referenzen befreites Gespräch dehnt sich ungeniert in alle Richtungen. So könnte es immer sein, wenn da nicht doch noch meine analoge Bibliothek wäre, die sich hartnäckig an der Wohnzimmerwand hält wie die Gämse in der Felswand, und aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht zu entfernen ist.