Catch22

Catch22

Catch 22, Joseph Heller, 1961. Cover design by Paul Bacon

Vor vielen Jahren zog mich auf einer Passstraße in Griechenland eine mit Büchern von Philip Roth und anderen vollgepackte Fahrrad-Satteltasche aus der Kurve. Ich blieb unverletzt. Die Bücher las ich weder im Urlaub noch später zu Hause, stattdessen deckte ich mich im erst besten Backpacker Hangout mit zwei zerfledderten Krimis ein. Philip Roth wechselte mit mir Städte und Länder, kehrte in Umzugskisten verpackt nach Berlin zurück und schaffte es auch hier wieder in mein Bücherregal. Ungelesen. 

Ich hänge nicht an Papier, das ich für ein überkommenes Speichermedium halte, meine Hände ziehen sich daran fiese kleine Schnitte zu. Bin ich also eitel, schmücke ich mich für alle sichtbar mit großen Namen? Für diesen Fall wäre Philip Roth gerade richtig: Titelträger literaturkritischer Superlative („größter Romancier“), aber kein Titan wie John Updike. Doch wer stößt seine Gäste schon gerne mit der Nase auf gesammelte Unkenntnis in sechs oder acht Bänden? Sollte ich Roth nicht lieber verschwinden lassen? Und wenn ihn, wen noch? 
Ich vertagte die Frage, bis Oxfam auf der Hauptstraße eröffnete und um Spenden bat. Ich zögerte nicht und begann sofort rechts unten. Roth war der Erste, Ransmayr der Zweite: Morbus Kitahara stand doppelt im Regal – albern, die Jahre der Fernbeziehung zu meinem Mann auf diese Weise zu dokumentieren, ein Exemplar wird gespendet. Hätte ich links oben begonnen, wäre ein 800-Seiten – Wälzer über die Antike dran gewesendoch bis dahin kam ich nie. Ich hielt mich zu lange damit auf, Bücher auszuwählen, die ich gerne wieder lesen wollte.  Ich mache es kurz: Von Z bis G wählte ich vier Bücher aus, zwei davon legte ich nach kurzem Querlesen für Oxfam zur Seite, ein weiteres las ich an einem Abend und war zufrieden (Guterson, Snow Falling On Cedars). Über der Lektüre des vierten Buches begann ich nach zwei Seiten, mich an mein Lachen zu erinnern, wie es mich beim ersten Lesen schüttelte, wie mir Empörung den Schlaf raubte, Mitleid an mir nagte. Dieses Mal beschämte mich der Scharfsinn des Helden so, dass ich es nicht über mich brachte, dieses Buch zurück in mein Regal zu stellen. Nicht zu all den anderen!
Das Buch? Joseph Heller, Catch 22.
Mein/unser Bücherregal steht, wo es immer stand, es kann nicht anders, denn wir ließen es aufmauern und mit robusten Eichenholzbrettern bestücken – endlich genug Platz für die Bücher! Es sähe wohl lächerlich aus ohne Inhalt. Ich könnte anfangen, Vasen zu sammeln. Oder Buddhas. Oder den Platz meinem Mann zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stellen. Dann hätten wir hier eine DVD-Sammlung, eine Mineralien-Sammlung, eine Weizenbierglas-Sammlung. Wer weiß, worauf er noch käme … 

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