Blau

Blau

BlauDer Platz liegt wie leergefegt in der Nachmittagshitze dieses rekordverdächtigen Sonntages. Die Anwohner halten ihre Fenster verschlossen, sie haben Stoffbahnen unterschiedlicher Bestimmung gegen die Sonneneinstrahlung vor ihre Fenster gezogen oder geklammert. Kein Laut dringt aus den Wohnungen, kein Raunen, kein Schimpfen oder Streiten in fremden Sprachen. Kein Kinderlachen. Menschen sitzen in den Schatten von Baum und Sonnenschirm geduckt. An den Berliner Badeseen stolpern sie übereinander, hier ist Platz, zwei Drittel der Tische sind unbesetzt. Die Bedienung versorgt ihre wenigen Gäste aufmerksam mit kühlen Getränken, ich fantasiere die Farbe des Wassers, wie es sich türkis in der Wanne des Badeschiffs kräuselt, oder grün in der Spree darum herum. Doch auch das Badeschiff zählt zu den vielen Orten in Berlin, die morgens am besten sind – eine Handvoll Fahrradpendler zur Arbeit, Schwimmer, die es ernst meinen. Im Schöneberger Kietz ist es ruhig und schattig, Gespräche gehen eine Weile hin und her, dann wird es stiller. Auch an den Nebentischen gibt es nichts mehr zu sagen, die Menschen lehnen träge in ihren Stühlen. Ab und zu bewegen sich Beine von einem Schatten zum nächsten. Dünne Stoffe flattern. Blondes Haar weht hinten aus. Männer schlurfen in Cargo Pants und Riemensandalen in Erdtönen. In ihren ausgebeulten Hosentaschen mögen sich Kompass und Wanderkarte, Taschenmesser, Verbandszeug und Karabinerhaken verbergen. Nützliche Dinge, vor allem das Taschenmesser. Andere haben schmalere Hosenschnitte für sich entdeckt. Glatt gewebte Baumwolle, kühle Farben. Türkis, azurblau, capriblau. Ihre Füße stecken sorgfältig pedikürt in Flip Flops. Sie bewegen sich leichter und aufrechter als ihre Cargo-Freunde.  
«Kleidung zivilisiert Körperhaltung» – wenn’s sonst nichts mehr zu denken gibt …

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