Set your thoughts free – die Hemingwrite

Set your thoughts free – die Hemingwrite

The Hemingwrite

The Hemingwrite

Ja, ich lasse mich ablenken. Ich stoße auf Information, die ich als bewusst Suchende niemals fände, hänge mich daran fest und lasse mich von Google verlinken und verleiten. Für Menschen, die ohne Ablenkung schreiben wollen, gibt es wohl bald Hilfe: Hemingwrite ist ein Schreibgerät, das es so ähnlich schon gab, allerdings mit einer Speicherkapazität von zehn oder zwanzig Manuskriptseiten – geparkt wurden die Texte auf Disketten. Die Entwickler der Hemingwrite studierten wohl die Frustration schreibender Google-Opfer und entdeckten die Autoren als Zielgruppe für ihr altertümlich anmutendes Schreibgerät. In einem Post auf @Hemingwrite heißt es dann auch: «Spock könnte es benutzt haben, um einen Roman zu schreiben». Nun verstehe ich mich durchaus auch als Google-Gewinnerin: Meinen Helden eines unveröffentlichten Buches verdanke ich einem Link, der mich auf die Seite eines der Klitschkos sandte und weiter in die Auseinandersetzung um das Schaurig-Schöne ihres Sports. Ich fand mich bald in den Niederungen einer Parallelwelt der Boxställe und Boxclubs von Brighton Beach wieder, las Buch um Buch über die Aktivitäten der russischen Mafia in Amerika und lernte über ihre brutale Hierarchie und das Leben eines russischen Berufskriminellen in New York. Was für eine Reise! Natürlich dauert es ein wenig, bis ich zu meinem Link finde, ich bleibe beim Hauptstadt Spielen der Berliner Morgenpost hängen, da bin ich richtig gut: Die zwanzig Stadtteile identifiziere ich in 53 Sekunden, aber nach Lübars fahre ich trotzdem nicht, ich kenne dort auch gar niemanden. Berlin hat 95 Stadtteile, deren Lage, Namen und Formen ich jetzt genau kenne: Gropiusstadt sieht aus wie ein Rosinenbomber von oben, dem Prenzlauer Berg hängt ein Biberschwänzchen an, Wilhemstadt eine Walfischflosse, dem Baumschulenweg ein ganzer Stern. Ja, ich lasse mich ablenken, aber so bin ich auch auf die Hemingwrite gestoßen, die ich gerne teste, wenn sie auf den Markt kommt.

 

Don Gustavo – Leseprobe

Don Gustavo – Leseprobe

Don Gustavo

Kurzgeschichte bei Kindle Singles

Der Sohn hat ihr abgeraten. Niemand verpflichte sie, sagte er, öffentlich Auskunft über ihr Privatleben zu geben.
«Nicht nur über deines, auch über Vaters», doch sie ließ seinen Einwand nicht gelten. Vater und Sohn hatten sich nicht nahegestanden, was geht der Vater den Sohn noch an? Ihr Mann hatte niemandem nahegestanden – am nächsten vielleicht seinem Deutschen Schäferhund, den er auf Schritt und Tritt an kurzer Leine dicht bei sich führte
«Geh da nicht hin», wiederholte er, bis sie sich seinen Ton verbat. Doch ihr Sohn ist keiner, der aufgibt. Leichtes Spiel, wird er sich gedacht haben, sie ist alt, und er ist auf der Höhe seiner Leistungskraft.
«Diese Reporter stochern so lange, bis sie etwas finden, das sie den Lesern als Sensation verkaufen können. Denen geht es nicht um dich und um Wahrheit schon gar nicht», fügte er hinzu, als wolle er sich ihrer Absicht vergewissern. Auch ihre Absicht könnte dem Sohn dieses Vaters gestohlen bleiben, er mochte ihn nie leiden.
«Warum willst du dir das antun?»
Aber sie ist kein leichtes Spiel und sie ist entschlossen, den Gerüchten über den verstorbenen Mann mit der Realität aus mehr als drei Jahrzehnten entgegenzutreten.
«Weil es dumm und unsinnig ist, solche Geschichten zu spinnen. Ich mag es nicht. Dummheit mag ich nicht!»
Sie selbst ist nicht betroffen, niemand ächtet sie, schneidet sie auf der Straße, bedient sie nicht beim Bäcker, weil es diese Situationen für sie nicht gibt. Vor Jahren schon begann sie, Maria zwischen sich und die Welt außerhalb ihres Anwesens zu schieben. Maria erledigt all ihre Aufgaben mit größerer Sorgfalt, als sie selbst es jemals könnte. Selbst, wenn sie das Haus und ihre Gärten verlässt, bemerkt sie nichts Ungewöhnliches. Die Menschen nicken ihr zu, wie sie es auch zu Lebzeiten ihres Mannes taten, weil das Grüßen hier auf den Inseln eine Selbstverständlichkeit ist.
Sie liebt ihren Hof, in dem Kakteen und Aloen wuchern und mit scheinbar letzter Kraft aus den kargsten Bedingungen eine Blütenpracht hervorbringen, die sie als spröde empfindet. Kakteenblüten verführen sie weder zum Anfassen noch zum Daranriechen. Der Boden ist ein Geheimnis, großporiges Lavagestein speichert die Feuchtigkeit des Morgentaus und hält die Wurzeln dennoch trocken. Die Alten wussten, wie sie die Insel ernähren konnten, aber heute interessiert das keinen mehr, weil Schiffe fahren und Flugzeuge fliegen, die Einwohner wie Touristen versorgen.
Ihr Mann, ein Ingenieur, studierte die Anbaumethoden der Bauern. Ihr Sohn, der Spanier, lächelt darüber. Wozu die Mühe, dem Boden die einfachsten Früchte abzuringen, wenn anderswo im Überfluss eine unvergleichliche Vielfalt produziert wird?
Ihr Mann hatte große Pläne auf der anderen Seite der Insel. Ein Haus sei im Bau, das ihm einen unverstellten Blick auf den Atlantik gewähre, sagte er zu ihrer Information – entschieden war es längst. Ein einziges Mal begleitete sie ihn über die Schotterpiste den Pass hinauf und wieder hinunter, um die Baustelle des grotesk wehrhaft angelegten Hauses zu besichtigen. Sie schüttelte nicht zum ersten Mal den Kopf über diesen Mann, die Ideen und Flausen, das Anmaßende im Denken. Der Mann dachte sich keinen anderen Zukunftsort aus als die unwirtlichste Insel vor der Küste Afrikas. Nichts als Lavagestein und Sand, Sonne und ein Wind, der von Zeit zu Zeit den Sand aus der Sahara mitnimmt und den Himmel über der Insel für Tage verdüstert. Die Mittagshitze treibt einen in die verdunkelten Häuser, aber die Kakteen mögen es so. Sie nahm sich die Bedürfnislosigkeit der Kakteen und Aloen zum Beispiel, die sie beobachtete und studierte. Sie lernte, mit dem Wenigen an Aufmerksamkeit ihres Mannes zu leben.

Im Gleisdreieckpark vom Flussbad träumen

Im Gleisdreieckpark vom Flussbad träumen

Berlin, Park am Gleisdreieck

Ein Sommermorgen im späten Oktober ist ein Geschenk, denn der nahende Winter rückt wieder in weite Ferne, und je länger er dort bleibt, desto besser. Wenn er dann kommt, wünsche ich ihn mir gerade so lange wie es braucht, meine Weihnachtsgeschenke auszupacken und ein paar Mal über verschneite Pisten zu schwingen. Am nächsten Tag setzt Tauwetter ein, die Frühlingswärme kommt zurück, der Sommer ist nahe. Und weil ich – wie so oft morgens – im Gleisdreieckpark über großstädtische Erlebnisräume schwärme, träume ich mir schon das nächste urbane und öffentliche Großprojekt für uns Menschen der Stadt zurecht, weil in Berlin ruhig ein wenig mehr Leichtigkeit einziehen darf, denn eine Stadt lebt nicht nur vom Glanz ihrer repräsentativen Bauten: Eine Schwimmstrecke mitten in Berlin fänden viele gut, wir brauchen ein Flussbad! Zum Glück wissen ein paar Leute, wie das zu machen ist, und suchen über ihren Verein Unterstützung: Flussbad-Berlin.de

 

Mütterträume

Mütterträume

Heute ist es anders, es ist Sonntagmorgen, das mag ich schon nicht, mein Puls hämmert in den Schläfen, mein Atem will sich nicht beruhigen. Ich japse nach Luft, ich sollte wissen, dass ich nicht genug Ausdauer besitze für so eine Flucht vor den Gefühlen der Schuld, die Mütterträume hinterlassen: Unsere Kinder kommen zu Tode, weil wir es nicht verhindern. Väter, habe ich mir sagen lassen, träumen zu skurril und absurd, um mit Gefühlen aus der Wirklichkeit folgen zu können. Der Schmerz der Mütter bleibt hängen, da hilft kein Aufwachen, nicht einmal die Dankbarkeit über den Kinderatem im Raum nebenan, von dessen Regelmäßigkeit wir uns auf Zehenspitzen im Dunklen überzeugen. Mütter sitzen im Traum ihren Ängsten auf, dabei folgt die Regie dieser Träume einer durchschaubaren Vorlage: Unser Kind gerät in Gefahr, ein Innehalten der Kamera gibt der Träumerin Gelegenheit, sich der Situation bewusst zu werden, die sich in Zeitlupe aufbaut und keinen Zweifel lässt, wohin hier geträumt wird. Eine weitere Zeitspanne bleibt für die Möglichkeit reserviert, das Schicksal in letzter Minute umzubiegen. Doch wir sehen tatenlos zu, wir greifen nicht ein, es ist, als lähme die Ahnung unausweichlichen Schmerzes unser Handeln. Mütterträume lassen keinen Zweifel am Ausgang eines Unfalles – kein Kind fällt aus dem ersten Stockwerk oder fährt sein Dreirad gegen eine Wand. Mütter träumen nicht von Krankheiten mit Heilungschancen, nein, unsere Kinder zerschmettern am Grund von Berg- oder Straßenschluchten und unser Leben als Mutter zerschellt mit ihnen. 

Ich atme tief durch, mein Puls sinkt, ich blicke um mich. Unser Gehirn ist eine Drogenküche, der größten Anstrengung folgt die tiefste Entspannung. Ein paar Morgenläufer tauchen auf, weiter hinten schiebt ein Vater schon einen Kinderwagen durch den Park, ja, ja, daran erinnere ich mich, fünf Uhr morgens war Schluss mit der Nacht, jetzt haben sich die Rollen vertauscht, mein Sohn schläft, und ich kann den Tagesanbruch nicht erwarten!
Wie oft habe ich in meinem Leben als Mutter ganz unspektakulär Abschied von einer Lebensphase meines Sohnes genommen, mit Freude die sprachlose Zeit gegen Endlosgeplapper getauscht und später mit Begeisterung gegen sinnvolles, strukturiertes Mitteilen. Nicht einmal den Myriaden von Legosteinen habe ich nachgetrauert, die ich als Kind selbst gerne besessen hätte, welche Welten wir entwarfen, welch waghalsige Konstruktionen wir in die Höhe zogen! Irgendwann ist es an der Zeit, die Kindheit an sich zu begraben, und manch eine Mutter braucht den Keulenschlag eines gemein real geträumten Kindertodes, um zu erkennen, dass sich wieder etwas verändert hat, dass das Gestern nicht mehr zählt und ein anderes Morgen wartet. Muss eine Mutter erst in einem Traum durch Entsetzen und Schmerz gejagt werden, der sie an einem Sonntagmorgen aus dem Haus treibt, die dämmrigen Straßen entlang in den menschenleeren Gleisdreieckpark hinein, um anzuerkennen, dass es gilt, wieder ein Mal Abschied zu nehmen?
 Wo doch der Sonntagmorgen hier draußen zu meiden ist, weil der den Übriggebliebenen der Nacht gehört, den Gruppen junger Männer unterschiedlicher Herkunft, die durch die Straßen ziehen und keine Ruhe finden. Wieder hat eine Nacht ihre Erwartungen nicht erfüllt, jetzt rempeln und pöbeln sie, schubsen sich und geraten in Streit, ihre Gliedmaßen bewegen sich unartikuliert, Angriffslust überstreckt ihre Nacken – geht doch endlich nach Hause, denke ich, haut euch ins Bett, das wird nichts mehr heute. Ich betrete die Back-Factory in der Hauptstraße/Ecke Akazien, wo die Mädels in Gruppen sitzen und nicht merken, wie sie sich in ihren Geschichten um die falschen Typen wiederholen. Ich tausche Blicke mit der Kassiererin, die sich jeden Sonntag ab 6:00 Uhr anhört, welches Herz diese Nacht im Havanna-Club gebrochen ist, welche Drogen im Spiel waren, wie mehr davon zu beschaffen ist, was dafür zu tun ist.

Ich stehe verloren in diesem Laden, Muffins, Sonntagsfrühstück – ich soll doch etwas lernen, sage ich mir, mich an neue Entwicklungen anpassen, nicht am Alten hängen, meine Rolle neu definieren, weg von der Versorgerin und hin zu – ja, wohin denn! Natürlich kaufe ich Muffins, mehrere sogar, denn der Junge kann nichts für die Trauminterpretation seiner Mutter, sein Vater auch nicht.

Imagination I

Imagination I

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©Klaus Kammermeier

An einem Herbstmorgen strahlt eine beleuchtete Hochparterrewohnung aus ihrer Nachbarschaft wie die Kommandobrücke der Enterprise aus den Tiefen des Universums, «where no man has gone before». Im Berliner Altbau fällt der Blick in mindestens zwei Räume, ein kleineres Balkonzimmer, ein größeres daneben. Nach hinten gibt es Schlafraum, Küche und Bad. In manchen Wohnungen liegt das Berliner Zimmer dazwischen, uneinsehbar von der Straße, schwach erhellt durch ein einziges Hoffenster. Sanierte Grundrisse platzieren eine offene Küche in diesen Raum und hängen einen Balkon an das Hinterhoffenster. Wenn in den straßenseitigen Räumen etwas geschieht, entgeht es dem Beobachter auf der Straße nicht. Wollte ich eine Geschichte über einen Zeitungsleser im Balkonzimmer schreiben, der mir durch sein hell erleuchtetes Fenster aufgefallen war, wäre es schön, wenn noch jemand hinzukäme: die junge Geliebte gähnend und schlaftrunken, halb nackt, zerzaustes Haar, oder ein weinendes Kind, das seine Mutter vermisst, die erst gestern die Koffer gepackt hat und jetzt bei ihrem Freund wohnt, oder eine alte Frau, ebenfalls Mutter, von der sich mein Zeitungsleser nicht lösen kann. Das wäre ein Anfang. Doch in sichtbaren Räumen geschieht nichts, hier lagern bestenfalls die Metadaten: Zeitungsleser, Frühaufsteher, mittleres Alter, Friedenauer Altbau, Parterre, bürgerliches Umfeld – für eine Geschichte nicht genug. Ich muss in die Hinterzimmer, vielleicht sogar ins Treppenhaus, die Stufen hinunter in einen schattigen Innenhof oder auf die Straße hinaus, nach links, nach rechts, in eine andere Zeit, ein anderes Land, wenn aus dem Mann, den ich im Vorbeilaufen in seiner hell erleuchteten Wohnung über etwas gebeugt sehe, das ich für eine Zeigung halte, eine Figur werden soll. Als Erstes nehme ich ihm die Zeitung weg und schiebe ihm einen Briefbogen unter die zur Faust geballte Hand. Der Inhalt mag von Liebe oder Abschied handeln, eine Kündigung aussprechen, einen Gerichtsbeschluss verkünden. Oder der Mann ist Lehrer, das Blatt ein Schüleraufsatz, der Rückgabetermin längst verstrichen. Dann wird es nichts mit mir und meinem Leser im hell erleuchteten Balkonzimmer – es sei denn, der Mann hat gute Gründe, seine Arbeit nicht pünktlich zu erledigen, das brächte ihn zurück ins Rennen.