Die Häuser bauen andere – Leseprobe

Die Häuser bauen andere – Leseprobe

Kurzgeschichte Kindle Singles

Kurzgeschichte bei Kindle Singles

Sie sollten sie nicht so unvorbereitet anrufen dürfen. Nicht aus dem Alltag heraus – sagen wir Mittwoch –, um sie so unvermittelt mit einer Geschichte zu behelligen, die nicht bis zur nächsten Woche warten könne. Man hätte sie anschreiben können, das hätte ihr eine Bedenkpause ermöglicht, sie hätte den Brief oder die Mail erst einmal ungeöffnet liegen gelassen, bis sie sich bereit fühlte.
»Sie haben in dieser Sache eine Entscheidung zu verantworten«, spricht eine Stimme, die es gewohnt ist, genau zu artikulieren. »Sie sind doch die einzig lebende Verwandte. Sie sind die gesetzliche Betreuerin!«, setzt die Stimme nach, als ob sie das nicht wüsste.
Sie hätte gerne aufgelegt.
Sie will niemandes Verwandte sein, und erst recht soll sie dieser Arzt mit der klangvollen Stimme nicht auf ihren legalen Status als Betreuerin ansprechen.
Wie alt er wohl ist?
Ihr Mann drängte sie in dieses Amt, und sie übernahm es widerstrebend.
Klang und Volumen der Arztstimme erwecken in ihr keine Idee einer Gestalt, einer Kopfform, einer Kieferstellung. Selbst sein Alter erschließt sich nicht, genau genommen ist sie sich nicht einmal sicher, mit einem Mann zu sprechen.
Bei ihrem Mann ist das anders, die Ungeduld hinter den nachlässig modulierten Vokalen empfindet sie als eindeutig männlich. Sie hört ihn sprechen und sieht den Mittelfinger einer Hand auf die Tischplatte takten, als wolle er die Übertragungsgeschwindigkeit der an ihn gerichteten Information in ein anderes Tempo zwingen.
Ihre Schwester muss gesetzlich betreut werden, und er hält es für ihre Pflicht, Maria diesen Dienst nach dem Tod der Mutter zu erweisen. Für ihn stand von vorneherein außer Frage, dass sie so eine Aufgabe nicht ebenso bereitwillig übernähme, wie er die seinen: den Kindern zu einer angemessenen Ausbildung verhelfen, ein guter Ehemann sein und der Familie den gewohnten Wohlstand sichern. Er arbeitet lange Stunden für einen Moloch von Firma, schenkt ihr regelmäßig Blumensträuße und Lingerie und überschüttet Sohn und Tochter, Zwillinge, mit Vorschlägen und Hilfestellungen für Studiengänge, die nach bestandenem Abitur – oder besser schon viel früher – in Betracht zu ziehen seien. Akribisch wacht er über das Status-Meilen-Konto seiner bevorzugten Fluggesellschaft und schiebt noch einen beruflichen Langstreckenflug ein, wenn das Konto die Urlaubsflüge für den Sommer nicht deckt. Morgens um sechs rennt er aus dem Haus und trainiert seinen Körper, um ihn widerstandsfähig gegen all die Krankheiten zu halten, die ihn an der selbstauferlegten Erfüllung aller Pflichten hindern könnten. Ihr Mann erfüllt Aufgaben und erwartet Gleiches von ihr und den Zwillingen.
Wenn er verreist ist, stapeln sich Geschirr und Verpackungen von Döner, Pizza, Sushi und Chicken-Tikka in der Küche, schnelles Essen, das sie für sich und die Kinder aus einem tief in der Küchenschublade verborgenen Hefter gesammelter Briefkastenwerbung bestellt. Am Tag vor seiner Rückkehr wirbelt sie durch Haus und Garten, um den Zustand des gepflegten Haushaltes wiederherzustellen, auf den ihr Mann den größten Wert legt. Die Zwillinge helfen unaufgefordert, sie sind auf ihrer Seite.

Runaway Girl – Leseprobe

Runaway Girl – Leseprobe

Kurzgeschichte Kindle Singles

Kurzgeschichte Kindle Singles

Den Bikini hast du zu klein gekauft, das Höschen rutscht in die Pofalte, du musst den nassen Stoff immer wieder gegen den Widerstand deiner Haut hervorziehen, dazu hebst du ein Bein an, so geht es leichter. Auch der Busen droht sich aus der Verschnürung zu kämpfen, deshalb gehst du im Wasser noch in die Hocke, einmal zupfen und einmal schütteln – dann sitzt alles und bleibt an Ort und Stelle, bis dich wieder einer dieser Kerle packt und mit dir die Böschung hinab über den feinen Sand ins flache Wasser rennt, das plötzlich tief wird. Fünf sind es, eine Gruppe, Jungs eben, anders als die, mit denen du sonst zu tun hast. Der, in dessen Armen du gerade mehr hängst als liegst, weil du groß und muskulös bist, schleudert dich aus einer 360-Grad-Drehung heraus so weit er kann ins Tiefe, damit du nicht mit dem Hintern aufgehst. Er müht sich ab mit dir, und dir will dein Ärger nicht vergehen.

Die Namen hast du dir nicht gemerkt, wozu auch, in wenigen Stunden wirst du zum Bahnhof radeln und in einen Regionalzug nach Berlin steigen. Von dort bringt dich ein Nachtzug nach Paris und weiter nach Barcelona. Dort wartet die Brandung des Meeres auf dich, gebräunte Jungs in knappen Shorts lehnen im Schatten der Strandbars, du lässt dein Haar wehen – diese Typen hier bleiben da, die wirst du nicht wiedersehen! Aus den Augenwinkeln heraus beobachtest du, wie sie dich betrachten und Blicke tauschen. Blicke, die was bedeuten? Dein Zug fährt am frühen Abend und du könntest zuhause auf dem Sofa lümmeln, dich auf dem Balkon sonnen oder träge in Zeitschriften blättern. Stattdessen bist du in die Mitte dieser Clique geraten, weil du nicht wusstest, wohin mit diesem Tag. An den See, dachtest du, warum auch nicht, ein heißer Tag, der Badeausflug mit deiner Freundin eine Ausrede, wie auch das anschließende Übernachten. Zum Bahnhof benötigst du mit dem Fahrrad eine halbe Stunde, und die Sonne steht noch hoch am Himmel. Das Wasser klatscht über deinem Kopf zusammen und dir ist, als verdichte der Druck des Wassers deinen Ärger zu einem dröhnenden Klopfen hinter deinen Schläfen. Du tauchst auf und ziehst dein Oberteil zurecht, dein Haar klebt glatt und glänzend in einer dicken Strähne auf deinem Rücken und weist hinunter zu der Stelle, wo dein Körper sich teilt. Eine kleine Delle hast du da, ein Grübchen, eine Vertiefung. Gerade ein Daumen passt darauf. Sogar der von dem Dicken, der gerade mit tanzendem Bauchspeck und rudernden Armen die Böschung herunterkommt und sich mit dem Rücken auf die noch aufgebrachte Wasseroberfläche wirft. Die Gischt vernebelt in der Nachmittagsbrise und überzieht deine heiße, schon leicht verbrannte Haut mit einem Schauer. Der Wind bläst dir ein Prickeln über das Erhitzte, in deiner Kehle wird es eng und trocken. Du steigst aus dem See, deine langen Arme zupfen an deinem Bikini, und die Jungs sehen zu, jeder sieht genau hin, wie du dir das Höschen aus der Falte ziehst. Sie sind ein wenig älter als du, und gesehen hast du die hier noch nie. Du kicherst, du siehst ja, dass sie dich beobachten, wenn du an deinem Bikini ziehst, zum Lachen ist das, ha, die Jungs, weil jeder einmal hinfassen möchte, über diesen Jungs kannst du deinen Ärger weglachen, ha, sie möchten hinfassen, und du verbietest oder erlaubst es. Die Sonne steht weiß mit fließenden Rändern, einer hält dir eine Bierflasche entgegen, die du annimmst, weil du die letzte auch angenommen hast, und deine Zunge dick am Gaumen klebt. Ahhh, wie dir das kühle Bier die Kehle hinunterläuft und ein wenig aus dem Mundwinkel. Du bedankst dich für das Bier und blickst dich um: Wohin mit dir, bis du endlich ich deinen Zug steigen kannst, der dich weit wegbringt? Wenn du nach Hause könntest! 

Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Erzählung bei Kindle Singles

Er hat sich verlaufen, obwohl das für einen, der ohne Ziel unterwegs ist, nicht zutreffen kann, und ein Ziel hat er nicht – außer das übliche, an das er sich aber gerade nicht erinnert. Er befindet sich in der Eisenacher Straße, in dieser Straße hat er nichts verloren, soviel weiß er, die Straßennamen müssen ihm in der Reihenfolge durcheinandergeraten sein. Hatte er eine andere Absicht, als einer bestimmten Anordnung von Nebenstraßen zu folgen, die aus der Richtung der Potsdamer Straße kommend von der Grunewaldstraße abzweigen und die er sich aus seinem Stadtplan heraus eingeprägt und auswendig gelernt hat? Nur um sicherzugehen! Vorsichtshalber sagt er sich die Namen zwischen Potsdamer und Eisenacher Straße noch einmal auf, und ja, tatsächlich, er sollte in der Goltzstraße sein, nicht in der Eisenacher so wie es hier auf dem Schild steht, darunter die Hausnummern des ersten Straßenabschnitts. Er verwechselte die Anordnung der Straßen, vielleicht folgte er aber auch nur einer Handlung seines Körpers, dem rechten Bein, das unwillkürlich ausholt und den Rumpf mit sich in die falsche Straße hinein zieht, nur so, aus purer Lust und Laune. Gut, dann sagt er eben die Schilder der in der Eisenacher Straße ansässigen Läden herunter, auch die prägt er sich bei jedem Vorbeigehen ein, um sich auf seinen Märschen zu unterhalten, aber auch, um sein Gedächtnis zu überprüfen. Er sagt jetzt einfach die Namen und Bezeichnungen der Ladenschilder herunter, und der Fehler ist mehr als ausgeglichen. Eine Irritation bleibt: Er war auf der Suche nach dem Straßenschild der Goltzstraße und muss entweder vergessen haben, dorthin zu wollen, oder er sah das Schild, las den Namen und ging trotzdem weiter. Oder es war doch ganz anders, vielleicht ist er wirklich ohne Ziel unterwegs, dann kann er es bei einer kleinen Verwunderung beruhen lassen. Und doch beunruhigt ihn beides, eine Fehlleistung seines Gedächtnisses, eine Unkonzentriertheit – ein Ausfall, den Johanna sofort bemängelt hätte. Johanna mag es nicht, wenn er Dinge vergisst und immer weiß sie und entscheidet, wie die geforderte Erinnerung aussieht: die Farbe eines Gegenstandes, die Reihenfolge von Ereignissen, eine Jahreszahl, das Wetter des vergangenen Tages. Aus einem Grund, den er sich nicht erklären kann, hält sie die Zügel in der Hand, nach denen er sich zu bewegen hat. Er wird mit ihr sprechen müssen, gleich heute noch. Er wird Johanna auf ihren Platz verweisen, hinauswerfen am liebsten, weil er gar nicht versteht, was sie bei ihm verloren hat und warum sie ihn gängeln muss. Aber wenn er dann vor ihr steht und in ihr Gesicht blickt, fallen ihm die Worte nicht ein, die er in diese unfreundlichen Züge schleudern sollte wie ein richtiger Kerl. Unter Johannas Tadel ist ihm, als schrumpfe er und verlöre alle Eigenschaften eines Mannes, wie Johanna sie von ihm erwartet.

 

25 Jahre Mauerfall Berlin

25 Jahre Mauerfall Berlin

© Klaus Kammermeier

© Klaus Kammermeier

Das erste Stück innerstädtischer Mauer sah ich, nachdem ich als Erstsemester eine Gartenhauswohnung in der Neuköllner Fuldastraße bezogen hatte. Ein Punk im Erdgeschoss beschallte den Innenhof mit seiner E-Gitarre, kein Klopfen half, kein Drohen und Fluchen. Ich war in Neukölln in einem ehemaligen Hundesalon gelandet und kratzte ein Wochenende lang von Hundehaar verfilzte Teppichbodenfliesen von den Dielen, und der Punk lachte über die Polizisten, die jemand gerufen hatte, damit sie ihm den Stecker zögen. 
Berlin hatte ich mir anders vorgestellt, das Studieren auch, aber es würde schon noch werden, dachte ich auf dem Weg nach draußen, ein Spaziergang sollte mich beruhigen, denn der Ärger über den Punk und die Hundehaare saß tief. Im Dämmerlicht schritt ich die Straße hinunter nach links, bald hatte ich Gras unter den Füßen, dann Erde. Eine Brücke führte über einen Kanal, dahinter blockierte die Mauer meinen Weg. Sie stand dort losgelöst von städtebaulicher Logik, und ich begriff eine Weile nicht, dass mein Weg hier ein Ende hatte. Vier Monate später hinterließ ich meine frisch lackierten Dielen einer dankbaren Nachmieterin, die sich auch um die Entsorgung der Teppichbodenfliesen, die ich in einem Zwischenboden gelagert hatte, kümmern wollte, und kehrte nach Bayern zurück, wo ich einige Jahre später den ersten vorbeifahrenden Trabis zuwinkte. 
25 Jahre später stehe ich am Vorabend des 9. November mit meiner Familie hinter dem Reichstag auf den Stufen, die hinunter zur Spree führen. Eine Doku zeigt Aufnahmen von damals, wir vergleichen, wir staunen. Auf dem Bildschirm wird einer erschossen, der hinüber will, und am Ufer drängen sich Menschen und folgen der Lichterspur des Mauerweges. „Wie oft hier wohl jemand ins Wasser fällt?“, wundert sich jemand, „kein Geländer hier, nichts – und so dunkel.“
Wenn das heute unsere einzige Sorge zum Hüben und Drüben dieses Ortes sein darf, sind wir doch weit gekommen!
Am Brandenburger Tor wird Udo gleich loslegen, wir sind spät.

Wenn das alles ist – Leseprobe

Wenn das alles ist – Leseprobe

Kammermeier2

Erzählung bei Kindle Singles

Ich glaube an mich. Selbst in den Felswänden der höchsten Berge Europas habe ich das Vertrauen in mich nie verloren. Ich kann mich auf meinen Körper verlassen, denn meine Arme, Beine, Füße und Hände führen zuverlässig und kraftvoll aus, was ich ihnen anbefehle. Ich trainiere vier Mal die Woche. Ausdauer, Kondition, Kraft. Ich meditiere. Ich habe gelernt, dass alle Stärke aus der Mitte kommt, physisch wie mental. Mein Körper versagt nicht. Mein Geist lässt mich nicht im Stich. Ich denke mir den Weg hinauf zum Gipfel und plane meine Schritte sorgfältig. Ich bin kein Draufgänger. Ich bin erfahren genug, um die jeweils angemessene Technik einzusetzen. Ich bin geduldig, kein Gipfel läuft mir davon. Ja, ich kann umkehren! Ich habe es bewiesen – am Mont Blanc habe ich meine Geduld sogar wiederholt bewiesen. Der Mont Blanc ist ein besonderer Berg – darum hänge ich jetzt auch hier in der Felswand und kann nicht weiter. Der Mont Blanc ist der Höchste in den Alpen, in Europa, der nächsthöhere Gipfel liegt vier Flugstunden entfernt östlich, den Namen weiß ich nicht mehr, auch Martin erinnert sich nicht. Martin kauert neben mir in einer Felsspalte, die eigentlich Platz für eineinhalb Personen bietet. Jede Lageveränderung unserer Gliedmaßen muss abgesprochen werden. Will ich zum Beispiel mein rechtes Bein ausstrecken, muss Martin eine Seite seines Hinterns lupfen, damit ich den Fuß unten durchstecken und an die Felswand schmiegen kann. Das heißt, mein linkes Bein hängt aus dem Unterschlupf, und draußen umkreist seit Stunden ein Gewitter das Massiv wie ein Raubvogel seine Beute.
Ich rieche Martin.
Mein linkes Bein hängt gefährlich aus der Spalte, und obwohl der Rest meines Körpers in unserem Unterschlupf nicht wesentlich besser geschützt ist, will ich mein das Bein lieber an mich und unter die Überdachung bringen. Martin stöhnt Unverständliches. Als ich ihn erneut bemühe, Unfreundliches. Ich verzeihe ihm.
Wir drücken unsere Köpfe so tief wie möglich unter das klamme Felsendach. Wenn die Köpfe geschützt sind, sind wir sicher.
Bullshit.
Über der Wand ist die Nacht hereingebrochen und liefert den Blitzen eine alle Farben verschluckende Bühne. Dort draußen liegt unermesslicher Raum unbelichtet, Raum, der nicht für uns ist, die Vertikale der Felswand ist nicht für Menschenfüße gedacht. Darum schlagen wir Haken in den Granit und spannen Seile und sichern uns gegenseitig und lernen uns zu vertrauen, weil ein Leben am Seil des anderen hängt. Überall müssen wir hin! Seit Jahrhunderten in die menschenverachtende Wildnis. Auf die Meere der Welt hinaus, in die Eiswüsten und Sandwüsten, auf die Gipfel der Gebirge hinauf und in die Tiefen der Ozeane hinunter. Martin und ich können uns noch nicht einmal darauf berufen, Entdecker sein zu wollen. Alles Gefährliche ist längst bekannt. Die tödlichsten Waffen, die bissigsten Tiere. Die Kälte. Die Hitze. Die Anstrengung, die Einsamkeit.