Don Gustavo – Leseprobe

Don Gustavo – Leseprobe
Don Gustavo

Kurzgeschichte bei Kindle Singles

Der Sohn hat ihr abgeraten. Niemand verpflichte sie, sagte er, öffentlich Auskunft über ihr Privatleben zu geben.
«Nicht nur über deines, auch über Vaters», doch sie ließ seinen Einwand nicht gelten. Vater und Sohn hatten sich nicht nahegestanden, was geht der Vater den Sohn noch an? Ihr Mann hatte niemandem nahegestanden – am nächsten vielleicht seinem Deutschen Schäferhund, den er auf Schritt und Tritt an kurzer Leine dicht bei sich führte
«Geh da nicht hin», wiederholte er, bis sie sich seinen Ton verbat. Doch ihr Sohn ist keiner, der aufgibt. Leichtes Spiel, wird er sich gedacht haben, sie ist alt, und er ist auf der Höhe seiner Leistungskraft.
«Diese Reporter stochern so lange, bis sie etwas finden, das sie den Lesern als Sensation verkaufen können. Denen geht es nicht um dich und um Wahrheit schon gar nicht», fügte er hinzu, als wolle er sich ihrer Absicht vergewissern. Auch ihre Absicht könnte dem Sohn dieses Vaters gestohlen bleiben, er mochte ihn nie leiden.
«Warum willst du dir das antun?»
Aber sie ist kein leichtes Spiel und sie ist entschlossen, den Gerüchten über den verstorbenen Mann mit der Realität aus mehr als drei Jahrzehnten entgegenzutreten.
«Weil es dumm und unsinnig ist, solche Geschichten zu spinnen. Ich mag es nicht. Dummheit mag ich nicht!»
Sie selbst ist nicht betroffen, niemand ächtet sie, schneidet sie auf der Straße, bedient sie nicht beim Bäcker, weil es diese Situationen für sie nicht gibt. Vor Jahren schon begann sie, Maria zwischen sich und die Welt außerhalb ihres Anwesens zu schieben. Maria erledigt all ihre Aufgaben mit größerer Sorgfalt, als sie selbst es jemals könnte. Selbst, wenn sie das Haus und ihre Gärten verlässt, bemerkt sie nichts Ungewöhnliches. Die Menschen nicken ihr zu, wie sie es auch zu Lebzeiten ihres Mannes taten, weil das Grüßen hier auf den Inseln eine Selbstverständlichkeit ist.
Sie liebt ihren Hof, in dem Kakteen und Aloen wuchern und mit scheinbar letzter Kraft aus den kargsten Bedingungen eine Blütenpracht hervorbringen, die sie als spröde empfindet. Kakteenblüten verführen sie weder zum Anfassen noch zum Daranriechen. Der Boden ist ein Geheimnis, großporiges Lavagestein speichert die Feuchtigkeit des Morgentaus und hält die Wurzeln dennoch trocken. Die Alten wussten, wie sie die Insel ernähren konnten, aber heute interessiert das keinen mehr, weil Schiffe fahren und Flugzeuge fliegen, die Einwohner wie Touristen versorgen.
Ihr Mann, ein Ingenieur, studierte die Anbaumethoden der Bauern. Ihr Sohn, der Spanier, lächelt darüber. Wozu die Mühe, dem Boden die einfachsten Früchte abzuringen, wenn anderswo im Überfluss eine unvergleichliche Vielfalt produziert wird?
Ihr Mann hatte große Pläne auf der anderen Seite der Insel. Ein Haus sei im Bau, das ihm einen unverstellten Blick auf den Atlantik gewähre, sagte er zu ihrer Information – entschieden war es längst. Ein einziges Mal begleitete sie ihn über die Schotterpiste den Pass hinauf und wieder hinunter, um die Baustelle des grotesk wehrhaft angelegten Hauses zu besichtigen. Sie schüttelte nicht zum ersten Mal den Kopf über diesen Mann, die Ideen und Flausen, das Anmaßende im Denken. Der Mann dachte sich keinen anderen Zukunftsort aus als die unwirtlichste Insel vor der Küste Afrikas. Nichts als Lavagestein und Sand, Sonne und ein Wind, der von Zeit zu Zeit den Sand aus der Sahara mitnimmt und den Himmel über der Insel für Tage verdüstert. Die Mittagshitze treibt einen in die verdunkelten Häuser, aber die Kakteen mögen es so. Sie nahm sich die Bedürfnislosigkeit der Kakteen und Aloen zum Beispiel, die sie beobachtete und studierte. Sie lernte, mit dem Wenigen an Aufmerksamkeit ihres Mannes zu leben.

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