Runaway Girl – Leseprobe

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Kurzgeschichte Kindle Singles

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Den Bikini hast du zu klein gekauft, das Höschen rutscht in die Pofalte, du musst den nassen Stoff immer wieder gegen den Widerstand deiner Haut hervorziehen, dazu hebst du ein Bein an, so geht es leichter. Auch der Busen droht sich aus der Verschnürung zu kämpfen, deshalb gehst du im Wasser noch in die Hocke, einmal zupfen und einmal schütteln – dann sitzt alles und bleibt an Ort und Stelle, bis dich wieder einer dieser Kerle packt und mit dir die Böschung hinab über den feinen Sand ins flache Wasser rennt, das plötzlich tief wird. Fünf sind es, eine Gruppe, Jungs eben, anders als die, mit denen du sonst zu tun hast. Der, in dessen Armen du gerade mehr hängst als liegst, weil du groß und muskulös bist, schleudert dich aus einer 360-Grad-Drehung heraus so weit er kann ins Tiefe, damit du nicht mit dem Hintern aufgehst. Er müht sich ab mit dir, und dir will dein Ärger nicht vergehen.

Die Namen hast du dir nicht gemerkt, wozu auch, in wenigen Stunden wirst du zum Bahnhof radeln und in einen Regionalzug nach Berlin steigen. Von dort bringt dich ein Nachtzug nach Paris und weiter nach Barcelona. Dort wartet die Brandung des Meeres auf dich, gebräunte Jungs in knappen Shorts lehnen im Schatten der Strandbars, du lässt dein Haar wehen – diese Typen hier bleiben da, die wirst du nicht wiedersehen! Aus den Augenwinkeln heraus beobachtest du, wie sie dich betrachten und Blicke tauschen. Blicke, die was bedeuten? Dein Zug fährt am frühen Abend und du könntest zuhause auf dem Sofa lümmeln, dich auf dem Balkon sonnen oder träge in Zeitschriften blättern. Stattdessen bist du in die Mitte dieser Clique geraten, weil du nicht wusstest, wohin mit diesem Tag. An den See, dachtest du, warum auch nicht, ein heißer Tag, der Badeausflug mit deiner Freundin eine Ausrede, wie auch das anschließende Übernachten. Zum Bahnhof benötigst du mit dem Fahrrad eine halbe Stunde, und die Sonne steht noch hoch am Himmel. Das Wasser klatscht über deinem Kopf zusammen und dir ist, als verdichte der Druck des Wassers deinen Ärger zu einem dröhnenden Klopfen hinter deinen Schläfen. Du tauchst auf und ziehst dein Oberteil zurecht, dein Haar klebt glatt und glänzend in einer dicken Strähne auf deinem Rücken und weist hinunter zu der Stelle, wo dein Körper sich teilt. Eine kleine Delle hast du da, ein Grübchen, eine Vertiefung. Gerade ein Daumen passt darauf. Sogar der von dem Dicken, der gerade mit tanzendem Bauchspeck und rudernden Armen die Böschung herunterkommt und sich mit dem Rücken auf die noch aufgebrachte Wasseroberfläche wirft. Die Gischt vernebelt in der Nachmittagsbrise und überzieht deine heiße, schon leicht verbrannte Haut mit einem Schauer. Der Wind bläst dir ein Prickeln über das Erhitzte, in deiner Kehle wird es eng und trocken. Du steigst aus dem See, deine langen Arme zupfen an deinem Bikini, und die Jungs sehen zu, jeder sieht genau hin, wie du dir das Höschen aus der Falte ziehst. Sie sind ein wenig älter als du, und gesehen hast du die hier noch nie. Du kicherst, du siehst ja, dass sie dich beobachten, wenn du an deinem Bikini ziehst, zum Lachen ist das, ha, die Jungs, weil jeder einmal hinfassen möchte, über diesen Jungs kannst du deinen Ärger weglachen, ha, sie möchten hinfassen, und du verbietest oder erlaubst es. Die Sonne steht weiß mit fließenden Rändern, einer hält dir eine Bierflasche entgegen, die du annimmst, weil du die letzte auch angenommen hast, und deine Zunge dick am Gaumen klebt. Ahhh, wie dir das kühle Bier die Kehle hinunterläuft und ein wenig aus dem Mundwinkel. Du bedankst dich für das Bier und blickst dich um: Wohin mit dir, bis du endlich ich deinen Zug steigen kannst, der dich weit wegbringt? Wenn du nach Hause könntest! 

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