Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Gärten gibt es in Zehlendorf – Leseprobe

Erzählung bei Kindle Singles

Er hat sich verlaufen, obwohl das für einen, der ohne Ziel unterwegs ist, nicht zutreffen kann, und ein Ziel hat er nicht – außer das übliche, an das er sich aber gerade nicht erinnert. Er befindet sich in der Eisenacher Straße, in dieser Straße hat er nichts verloren, soviel weiß er, die Straßennamen müssen ihm in der Reihenfolge durcheinandergeraten sein. Hatte er eine andere Absicht, als einer bestimmten Anordnung von Nebenstraßen zu folgen, die aus der Richtung der Potsdamer Straße kommend von der Grunewaldstraße abzweigen und die er sich aus seinem Stadtplan heraus eingeprägt und auswendig gelernt hat? Nur um sicherzugehen! Vorsichtshalber sagt er sich die Namen zwischen Potsdamer und Eisenacher Straße noch einmal auf, und ja, tatsächlich, er sollte in der Goltzstraße sein, nicht in der Eisenacher so wie es hier auf dem Schild steht, darunter die Hausnummern des ersten Straßenabschnitts. Er verwechselte die Anordnung der Straßen, vielleicht folgte er aber auch nur einer Handlung seines Körpers, dem rechten Bein, das unwillkürlich ausholt und den Rumpf mit sich in die falsche Straße hinein zieht, nur so, aus purer Lust und Laune. Gut, dann sagt er eben die Schilder der in der Eisenacher Straße ansässigen Läden herunter, auch die prägt er sich bei jedem Vorbeigehen ein, um sich auf seinen Märschen zu unterhalten, aber auch, um sein Gedächtnis zu überprüfen. Er sagt jetzt einfach die Namen und Bezeichnungen der Ladenschilder herunter, und der Fehler ist mehr als ausgeglichen. Eine Irritation bleibt: Er war auf der Suche nach dem Straßenschild der Goltzstraße und muss entweder vergessen haben, dorthin zu wollen, oder er sah das Schild, las den Namen und ging trotzdem weiter. Oder es war doch ganz anders, vielleicht ist er wirklich ohne Ziel unterwegs, dann kann er es bei einer kleinen Verwunderung beruhen lassen. Und doch beunruhigt ihn beides, eine Fehlleistung seines Gedächtnisses, eine Unkonzentriertheit – ein Ausfall, den Johanna sofort bemängelt hätte. Johanna mag es nicht, wenn er Dinge vergisst und immer weiß sie und entscheidet, wie die geforderte Erinnerung aussieht: die Farbe eines Gegenstandes, die Reihenfolge von Ereignissen, eine Jahreszahl, das Wetter des vergangenen Tages. Aus einem Grund, den er sich nicht erklären kann, hält sie die Zügel in der Hand, nach denen er sich zu bewegen hat. Er wird mit ihr sprechen müssen, gleich heute noch. Er wird Johanna auf ihren Platz verweisen, hinauswerfen am liebsten, weil er gar nicht versteht, was sie bei ihm verloren hat und warum sie ihn gängeln muss. Aber wenn er dann vor ihr steht und in ihr Gesicht blickt, fallen ihm die Worte nicht ein, die er in diese unfreundlichen Züge schleudern sollte wie ein richtiger Kerl. Unter Johannas Tadel ist ihm, als schrumpfe er und verlöre alle Eigenschaften eines Mannes, wie Johanna sie von ihm erwartet.

 

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