Imagination II

Imagination II
Imagination II

©Klaus Kammermeier

Morgens um 7:30 stehe ich als Erste am Sachsendamm vor noch verschlossener Garagentüre einer Reifenwerkstatt. Selbst schuld, denke ich, was mache ich hier vor dieser kleinen Klitsche, die große Werkstatt um die Ecke hätte geöffnet, doch über die Leute dort habe ich mich schon zweimal geärgert – keinen Euro bekommen die von mir! Hier muss ich warten. Acht oder zehn Garagentore reihen sich links und rechts der Einfahrt, alle verschlossen. Das, vor dem ich parke, hat wenigstens einen Briefkasten mit Firmennamen hängen, bei den anderen ist nicht so klar, welche Gewerbe sich hinter den Toren verbergen. Mein Blick wandert die Barackenreihen entlang, kein Mensch ist zu sehen, im Hintergrund rauscht der Morgenverkehr auf dem Sachsendamm. Da wäre ich auch lieber, aber mit dem beschädigten Reifen fahre ich nicht weiter als unbedingt nötig. Ich steige aus, ein paar Fotos, denke ich, nebenan entsteht um den Gasometer herum der EUREF-Campus und hier schließen sie ihre Holztore mit rostigen Ketten ab. Vorsichtig drücke ich die Autotüre ins Schloss und tue ein paar Schritte in die Gasse hinein, die im hinteren Teil einen leichten Bogen macht. Ich muss nicht weitergehen, klar, am Ende versperrt eine Backsteinmauer den Weg, und ein Mann kommt im Morgennebel auf der Flucht vor einem unbekannten Verfolger gerannt. Mit dem Rücken zur Wand blickt er ins grelle Scheinwerferlicht eines auf ihn zurasenden Fahrzeuges. In einem Tunnel entzündet ein ferngesteuerter Sprengsatz einen Tanklastzug, der Fluchtweg ist verstellt, ein Feuerball wälzt zum Ausgang und verglüht alles auf seinem Weg zu pulverfeiner Asche. Eine Schwimmerin pflügt mit kräftigen Schlägen durch ein menschenleeres Becken. Sie bemerkt die Türe nicht, die jemand schließt, das Rauschen aus einer Leitung nicht, den steigenden Wasserpegel zu spät. Andere lassen sich in der Wildnis von der Gewalttätigkeit der Natur überraschen: Sandstürme fegen über die Wüsten der Welt, Freakwellen werfen den Ozean in der Einsamkeit zwischen zwei Kontinenten auf, Schlammlawinen treten über schartige Ränder eines Vulkankraters – ich schlüpfe hinter das Lenkrad meines Autos und verriegle die Türen. 
7:45: Schön langsam könnte hier jemand auftauchen und sich um meinen Reifen kümmern! Ich schüttle den Kopf und wische meine feuchten Hände an meinen Hosenbeinen ab. Große Bilder für einen Thriller, denke ich, für einen Katastrophenfilm – welche Effekte, welche Dramatik! Nichts für die kleine Form einer Erzählung um die Angst vor dem wehrlos Ausgeliefertsein an Mensch oder Natur. 
Endlich schwingt ein Tor auf, ein Mann schiebt blaue Wagenheber heraus, ich will einen neuen Reifen, deshalb bin ich hier.
Ein Stoff liegt brach, bis ich eines Abends mit Freunden beim Wein vor einem Kaminfeuer sitze. So wohlig aufgehoben folgen wir uns bereitwillig in unsere Erinnerungen: was wir auf See und unter der Wasseroberfläche, in der Wüste am Lagerfeuer neben finsteren Gestalten, auf dem Berg im Gewitter, im Schneefeld taten, als wir jung und bindungslos waren. Der Berg, immer wieder kommen wir auf den Berg, an den ich nie dachte, wenn ich mir große Gefahr ausmalte. Was wäre mein Zufluchtsort, wo fände ich Schutz? Wäre jemand bei mir, wer könnte das Ich in so einer Geschichte sein, und wer der Andere? Was zählt das Miteinander, die Freundschaft, welche Gespräche finden statt und welche Themen sind noch wichtig, welche Bilder tauchen aus der Erinnerung, wenn nicht sicher ist, dass es ein Morgen gibt?

Das Ergebnis ist unter dem Titel „Wenn das alles ist“ bei Kindle Single nachzulesen.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *