WM 2014 Akazien/Ecke Belziger

WM 2014 Akazien/Ecke Belziger

Café Sur in Schöneberg

In erster Reihe vor dem Café Sur sitzen wir an WM-Abenden zusammen mit einer Handvoll anderer Frauen als einzige Gäste. Gewitterwolken stehen in diesen Tagen am Horizont, der eine Straßenkreuzung entfernt über den Dächern der Akazienstraße endet. Public Viewing gibt’s im Sur nicht, ein deutsches Tor überhören wir hier dennoch nicht. Mal sind es so wenige, dass wir besorgt im Liveticker nachsehen, dann wieder zu viele für eine gepflegte Unterhaltung. Wir beobachten sorgfältig herausgeputzte Frauen, die eilig Pizzaschachteln vorbeitragen – diesen Dienst erweisen sie wohl ihren Männern, bevor sie die Wohnungstüre hinter sich ins Schloss fallen lassen. Was an einem WM-Abend alles anzustellen ist, und wir bleiben an der erstbesten Straßenkreuzung hängen! Für Abenteuer ist es zu stickig, zu früh oder zu spät. Dafür sitzen wir zufrieden auf unseren Logenplätzen, die an jedem anderen Abend nicht zu bekommen sind und behalten die Kreuzung im Blick, auf der nichts geschieht. Falschabbieger und Stresshuper haben sich in ihre Wohnzimmer zurückgezogen oder gucken fest auf ihren Hintern verankert öffentlich. Gesprächsfetzen wehen vorbei, die wir dankbar aufnehmen und in ein Gespräch um die Kleinstädte unserer Jugend weben. In Berlin ist es besser, da sind wir uns alle einig, die wir einen WM-Abend vor dem Café Sur verbringen. In Berlin lässt es sich frei und ungezwungen leben – wenn uns nicht gerade eine anonym agierende Nachbarschaftsinitiative unsere WM-Fähnchen von den Autos klaut und stattdessen ein Pamphlet hinter die Scheibenwischer klemmt, das uns darüber aufklärt, was wir hier eigentlich tun: Als Männergesellschaft feiern wir einen Männersport unter einer Deutschlandflagge, die nicht nur für das Versagen der Politik steht, sondern auch für die Normierung unserer Sexualität. Wer’s noch nicht gewusst hat: Wir feiern hier nicht nur eine Fußballmannschaft, sondern auch eine Männerwelt, in der für Frauen nur Plätze auf der Zuschauertribüne bleiben (so lassen sich die Kritischen aus der Nachbarschaft verlauten).

Ja, genau, nächstes Jahr geht’s dann anders herum, da hocken die Männer auf den Tribünen, während die Frauen ihre Weltmeisterschaft austragen. 
Am Ende haben wir alle etwas erlebt und feiern gemeinsam den Sieg unserer Mannschaft, das eine oder andere Abenteuer, oder nur die gute Zeit, die wir im Schatten der Weltmeisterschaft unbeobachtet erlebten. Die echten Fans haben noch wochenlang zu tun, die Statistiken um Torchancen, Trefferquoten und den Wasserverbrauch der Toilettenspülungen während der Halbzeit auszuwerten.

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