25 Jahre Mauerfall Berlin

25 Jahre Mauerfall Berlin
© Klaus Kammermeier

© Klaus Kammermeier

Das erste Stück innerstädtischer Mauer sah ich, nachdem ich als Erstsemester eine Gartenhauswohnung in der Neuköllner Fuldastraße bezogen hatte. Ein Punk im Erdgeschoss beschallte den Innenhof mit seiner E-Gitarre, kein Klopfen half, kein Drohen und Fluchen. Ich war in Neukölln in einem ehemaligen Hundesalon gelandet und kratzte ein Wochenende lang von Hundehaar verfilzte Teppichbodenfliesen von den Dielen, und der Punk lachte über die Polizisten, die jemand gerufen hatte, damit sie ihm den Stecker zögen. 
Berlin hatte ich mir anders vorgestellt, das Studieren auch, aber es würde schon noch werden, dachte ich auf dem Weg nach draußen, ein Spaziergang sollte mich beruhigen, denn der Ärger über den Punk und die Hundehaare saß tief. Im Dämmerlicht schritt ich die Straße hinunter nach links, bald hatte ich Gras unter den Füßen, dann Erde. Eine Brücke führte über einen Kanal, dahinter blockierte die Mauer meinen Weg. Sie stand dort losgelöst von städtebaulicher Logik, und ich begriff eine Weile nicht, dass mein Weg hier ein Ende hatte. Vier Monate später hinterließ ich meine frisch lackierten Dielen einer dankbaren Nachmieterin, die sich auch um die Entsorgung der Teppichbodenfliesen, die ich in einem Zwischenboden gelagert hatte, kümmern wollte, und kehrte nach Bayern zurück, wo ich einige Jahre später den ersten vorbeifahrenden Trabis zuwinkte. 
25 Jahre später stehe ich am Vorabend des 9. November mit meiner Familie hinter dem Reichstag auf den Stufen, die hinunter zur Spree führen. Eine Doku zeigt Aufnahmen von damals, wir vergleichen, wir staunen. Auf dem Bildschirm wird einer erschossen, der hinüber will, und am Ufer drängen sich Menschen und folgen der Lichterspur des Mauerweges. „Wie oft hier wohl jemand ins Wasser fällt?“, wundert sich jemand, „kein Geländer hier, nichts – und so dunkel.“
Wenn das heute unsere einzige Sorge zum Hüben und Drüben dieses Ortes sein darf, sind wir doch weit gekommen!
Am Brandenburger Tor wird Udo gleich loslegen, wir sind spät.

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